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Strategien der indischen IT-Dienstleister in Europa

Peter Schumacher, President & CEO, Value Leadership Group Inc.

Peter Schumacher ist Präsident und CEO des internationalen Beratungsunternehmens Value Leadership Group. Schumacher ist ein ausgewiesener Kenner der O shore-Szene, vor allem der indischen IT-Dienstleister.

Der globale Markt für IT-Dienstleistungen wird sich in den kommenden Jahren weiter stark ausdehnen, und diese Expansion wird stärker von offshore-basierten Dienstleistern geprägt werden. Dies ist das Ergebnis einer Studie, die die Value Leadership Group und die Deutsche Bank auf der Basis von Gesprächen mit 125 Entscheidern in 15 Ländern durchgeführt haben. „Mit ihrem Global-Delivery-Modell haben die indischen IT-Dienstleister den Markt schon heute strukturell verändert und machen Europa vor, wie erfolgreiches Offshoring funktioniert“, erklärt Peter Schumacher.

Global integrierte Themen in allen Strukturen von der Leitungs- über die Projekt- bis hin zur Mitarbeiterebene zu verankern wird sich seiner Meinung nach für viele Firmen zu einer neuen Kernkompetenz entwickeln. Dass Offshoring die größte strukturelle und strategische Herausforderung für die europäische IT-Dienstleistungsbranche ist, betont der Unternehmensberater seit vielen Jahren. Dabei steht die Entwicklung gerade erst am Anfang. Nach Angaben der Deutschen Bank lag der Offshore-Marktanteil bei den IT-Dienstleistungen 2009 bei vergleichsweise geringen 4,6 Prozent. Aber allein für Indien prognostiziert die Deutsche Bank ein Wachstum des Marktvolumens von offshore-basierten IT-Dienstleistungen und Geschäftsprozessen von 47 Milliarden US-Dollar in 2009 auf 175 Milliarden US-Dollar in 2020. Die Offshore-Potentiale sind also noch lange nicht ausgeschöpft und Indien dürfte mit einem Marktanteil von 85 Prozent der attraktivste Standort für globale Dienstleistungen bleiben.

„Alle großen IT-Dienstleister, auch die Traditionsunternehmen, haben das Thema global integrierte Organisation ganz oben auf ihre Agenda gesetzt“, betont Schumacher mit Blick auf Beispiele wie IBM. Das Unternehmen ist nicht nur mit allen Geschäftsbereichen in Indien präsent, sondern beschäftigt hier mit mehr als 100.000 Mitarbeitern auch konzernweit die meisten Menschen. Dennoch erobert die Konkurrenz aus Indien unaufhaltsam den europäischen Markt. Dies zeigen Analysen der Value Leadership Group: Im Jahr 2012 belegte der indische Großanbieter Tata Consultancy Services (TCS) gemessen an den in Europa erzielten Umsätzen den vierten Platz unter den Top 20 der europäischen Dienstleister. Die indischen Unternehmen Wipro Technologies und Infosys Technologies nahmen Platz 8 und 9 ein.

Indische IT-Dienstleister arbeiten deutlich profi tabler und wachsen schneller. Insgesamt hat sich das Geschäftsvolumen der zehn größten offshore-basierten IT-Firmen in Europa nach Schumachers Angaben trotz der Wirtschaftskrise zwischen 2007 und 2012 auf rund 7,5 Milliarden Euro verdoppelt. Und eine weitere Verdoppelung ist vorstellbar. Vor allem aber haben die fünf größten unter ihnen in 2011 sechsmal mehr Profi t gemacht als die fünf größten europäischen IT-Dienstleister. „TCS macht mehr Profi t als die gesamte europäische IT-Dienstleistungsindustrie zusammen“, verdeutlicht Schumacher die Herausforderung. Dabei konzentrieren sich Unternehmen wie TCS oder Infosys auf große Kunden, zu denen sie strategische Beziehungen aufbauen und bei denen sie mit messbar besseren Leistungen überzeugen.

„Damit ist die europäische IT-Dienstleistungsindustrie an dem Punkt angekommen, an dem sie sich fragen muss, wo die Reise hingeht“, sagt der Berater. „Und die Unternehmen müssen sich mit diesem Thema intensiver auseinandersetzen.“ Nach Überzeugung der befragten Anwenderunternehmen müssen vor allem die großen europäischen Firmen, die immer noch mehr regional als global denken, die Offshoring als Bedrohung empfi nden und „Silomentalitäten“ ausgebildet haben, sich neu ausrichten, restrukturieren und auch kulturell erneuern, um ihre Wettbewerbsfähigkeit zu verbessern.

Das Global-Delivery-Modell, das die indischen Player in den 90er Jahren als Expansionsstrategie entwickelt haben und seither erfolgreich anwenden, ist für Schumacher ein einzigartiger Weg, der über das klassische Offshoring als verlängerte Werkbank weit hinausgeht. Es ist eine Geschäftsmodell-Innovation, die auf einer globalen Arbeitsteilung basiert und aufgrund der komplexen Zusammenhänge schwer zu imitieren ist.

Aber nicht für alle ist dieses Modell der richtige Ansatz. „Die IT-Dienstleister, die in Europa am besten aufgestellt sind, haben es nicht bzw. nicht einfach kopiert. Aber stattdessen positionieren, differenzieren und organisieren sie sich auf andere Art im Markt“, berichtet Schumacher. Angesichts der Vielfältigkeit dieses Industriezweigs empfi ehlt der Experte den Unternehmen, vor allem auch den Kleinbetrieben und Mittelständlern, individuelle Wege zu suchen: „Wer viel Phantasie hat und wer den Kunden versteht, kann jede Idee erfolgversprechend umsetzen. Und das ist es, was ich bei vielen Unternehmen vermisse.“

Trotz des Vorteils mit ihrem Global-Delivery- Modell müssten aber auch die indischen Dienstleister jetzt überlegen, wie sie in Kontinentaleuropa stärker Fuß fassen. Daher sind vor allem lokale Expertisen gefragt. TCS zum Beispiel hat in jedem Land einen Landeschef, pfl egt die Beziehungen zu Unternehmen direkt vor Ort und passt sich den Strukturen des jeweiligen Standortes an. „Auch die indischen Unternehmen“, glaubt Schumacher allerdings, „werden nicht mehr alle im Gleichschritt wachsen.“