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Nachhaltige Globalisierung als strategische Herausforderung

Christiane Benner, geschäftsführendes Vorstandsmitglied IG Metall

Christiane Benner ist Vorstandsmitglied der IG Metall und in dieser Funktion verantwortlich für die Themen IT und Engineering sowie Frauen- und Gleichstellungspolitik.

Kern einer nachhaltigen Globalisierung muss nach Überzeugung von Christiane Benner „gute Arbeit“ sein. Beim Thema Nachhaltigkeit nimmt Deutschland in vielen Bereichen eine Vorreiterrolle ein und hat Ansätze entwickelt, die auch in anderen Ländern übernommen werden und in eine „Charta für gute soziale Bedingungen“ einfl ießen könnten. Voraussetzung ist, dass das in den 90er Jahren als integratives Umweltkonzept entwickelte Drei-Säulen-Modell der nachhaltigen Entwicklung konsequent umgesetzt wird.

„Wenn wir eine nachhaltige Globalisierung wollen, müssen wir das in diesem Dreieck festgeschriebene Zusammenspiel von Sozialem, Ökonomie und Ökologie stärker berücksichtigen“, betont Benner. Aus Sicht der Gewerkschaften ist der Kern der sozialen Säule Arbeit, die „gut für den Menschen“ ist. Dies bedeutet nicht nur, dass Menschen, egal ob in Deutschland, in Europa oder einem Schwellenland, von ihrer Arbeit leben können, sondern auch soziale Qualität und Nachhaltigkeit, Gesundheitsverträglichkeit, Mitspracherechte, Freiräume und Identifi kation mit der jeweiligen Tätigkeit.

Die Idee der „verlängerten Werkbank“ aus den Anfangszeiten der Globalisierung, die Offshoring nur in Zusammenhang mit niedrigeren Lohnkosten und billigeren Produktionsmöglichkeiten sieht, ist überholt. „Heute muss sich Deutschland wie jedes Land fragen, welche Rolle es in einer weltweit vernetzten Ökonomie übernehmen will“, betont die Gewerkschafterin. „Besser statt billiger“ lautet hier eine Innovationsstrategie der IG Metall. Konkurrenzfähigkeit dürfe nicht über Kostendumping bei den Entgelten hergestellt werden, stattdessen könne über technische, prozessorientierte und soziale Innovationen Industriearbeit in Deutschland weiterhin international führend sein. „Wir bejahen internationale Arbeitsteilung. Nicht jeder Arbeitsplatz, der entsteht, muss um jeden Preis hier in Deutschland entstehen, aber jeder Arbeitsplatz sollte Kriterien guter Arbeit erfüllen“, ist Benner überzeugt.

Beim ökologischen Umbau als dritter Säule des Nachhaltigkeitsmodells kommt der IT-Industrie eine große Bedeutung zu. Wenn es um technologische Lösungen für die hiermit verbundenen Ziele geht, unter anderem eine nachhaltige und risikofreie Energieerzeugung und schadstoffarme Produktion, hat sie mit ihrem hohen Innovationspotential eine Treiberfunktion.

Dieses „enorme“ Innovationspotential des Technologiestandorts Deutschland kann nach Benners Auffassung aber nur zum Tragen kommen, wenn im Sinne guter Arbeit „made in Germany“ die Verknüpfung aller drei Säulen gelingt. So führe der ökologische Umbau zu einem Wettbewerbsvorteil und stärke damit die Ökonomie. Wirtschaftliche Stärke wiederum sichere Arbeitsplätze und damit den Kern der sozialen Säule. Und nicht zuletzt förderten ökologische Innovationen die Arbeitszufriedenheit: „Wenn ich mein ökologisches Gewissen nicht an der Pforte oder auf der Entwicklungsplattform abgeben muss, gehe ich mit einem besseren Gefühl zur Arbeit.“

Auf dem Weg in diese nachhaltige Globalisierung sind Arbeitgeber, Gewerkschaften und Politik gefragt. Innovationshemmend ist für Benner zum Beispiel eine Re-Taylorisierung von Arbeit und die damit verbundene hohe Standardisierung von Prozessen. Die Expertin verweist auf den Index „Gute Arbeit“ des Deutschen Gewerkschaftsbundes. Hiernach klagen Beschäftigte hierzulande über mangelnde Entwicklungsmöglichkeiten: „Das heißt im Umkehrschluss, dass viele bereit wären, sich stärker zu engagieren, als man es von ihnen verlangt.“

Eine gezielte Personalentwicklung, die Reduzierung von prekären Arbeitsverhältnissen wie Leiharbeit, Freelancer-Arbeit oder Crowd Sourcing und eine Arbeitsgestaltung, die ausufernde Arbeitszeiten, Termindruck, mangelnde Wertschätzung und letztlich die „Endstation Burnout“ verhindert, sind die Herausforderungen, die auf die Arbeitgeber zukommen. Auch die Führungskräfte seien hier in der Verantwortung: „Sie sollten ihre Mitarbeiter als Menschen wahrnehmen und nicht als Humanressource“, betont Benner.

Die Gewerkschaften ihrerseits müssen sich künftig global ausrichten. Die im Betriebsverfassungsgesetz geregelten Mitbestimmungsmöglichkeiten können dabei auch Ausgangspunkt sein. So könnten in den deutschen Wirtschaftsausschüssen auch Arbeitnehmervertreter ausländischer Werke beteiligt werden. Internationale Rahmenabkommen für Unternehmen sollen Standards für Entgelt und Arbeitszeit, aber auch weiterreichende Kriterien wie das Verbot von Kinderarbeit festlegen. Plätze in den Aufsichtsräten werden zum Teil jetzt schon international besetzt.

Schlussendlich aber muss auch die Politik Fehlentwicklungen gegensteuern. Unsere durch Arbeitsmigration bedingte multikulturelle Gesellschaft sei mittlerweile ein Normalzustand, der aber auch Integrationsmaßnahmen erfordere, so Benner. Politischer Handlungsbedarf besteht nach Überzeugung der IG Metall auch bei der sozialen Absicherung von Freiberufl ern und Werkvertragsbeschäftigten: „Neue Arbeitsformen werden zunehmen und machen neue Regelungen notwendig. Wir müssen auch diese arbeitnehmerähnlichen Tätigkeiten gleichwertig sozial absichern.“