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Globalisierung revisited. Auf der Suche nach nachhaltigen Globalisierungsstrategien für den IT-Standort Deutschland

PD Dr. Andreas Boes, Leiter des Projekts GlobePro, Vorstand ISF München

PD Dr. Andreas Boes gehört dem Vorstand des Instituts für Sozialwissenschaftliche Forschung in München an und ist Privatdozent an der Technischen Universität Darmstadt. Der Fokus seines wissenschaftlichen Scha ens liegt auf dem Thema „Zukunft der Arbeit“.

Viele Unternehmen haben verstanden, dass simples Offshoring nicht ausreicht, um in einer global vernetzten Ökonomie zu bestehen, und suchen nach neuen Produktionsund Geschäftsmodellen. Insofern ist die Bilanz, die Andreas Boes nach zehn Jahren intensiver Forschung zur Globalisierung von Arbeit zieht, positiv. Aber der Soziologe sieht auch neue Gefahren: Nach wie vor unterschätzen die Großkonzerne die strategische Bedeutung der Informationstechnologie, und während neue Konzepte wie Lean oder agiles Arbeiten noch nicht ausgereift sind, entwickeln sich Crowd Sourcing und Cloud Working als neue Drohkulisse für Beschäftigte.

„Am Anfang ist in der IT-Branche das Thema Globalisierung mit der schlichten Verlagerung von Arbeitsplätzen aus Kostengründen denkbar falsch angepackt worden“, beschreibt Boes die Ausgangslage im Jahr 2002. Hatte die Globalisierung zuvor „nur“ einfache Tätigkeiten in der klassischen Industrie betroffen, erreichte sie mit der Debatte um Offshoring erstmalig auch die hochqualifi zierten Softwareentwickler und Ingenieure und führte hier zu einem fundamentalen Umbruch: „Da ging es um die Menschen, die für die Innovationen in unserer Wirtschaft sorgen sollten. Deren Arbeit sollte plötzlich nach Indien verlagert werden. Von diesem Schock hat sich die Branche bis heute nicht erholt.“

Die Erkenntnis, dass nachhaltigere Strategien erforderlich sind, hat sich in der deutschen IT-Industrie zwar mittlerweile durchgesetzt. Einen „one best way“ habe die Branche aber noch nicht gefunden. Boes und sein Team haben in vier Forschungsprojekten die neue Phase der Globalisierung auf der Grundlage von 540 Interviews mit deutschen, indischen, osteuropäischen und amerikanischen Unternehmen analysiert: „Die Frage ist nicht, ob die Wirtschaft globaler geworden ist, sondern, warum sie es so schnell geworden ist“, resümiert der Experte.

Der Wissenschaftler begründet dies mit einem Produktivkraftsprung in der IT-Industrie, der im Wesentlichen auf Informatisierung beruht. Globales Wirtschaften in neuer Qualität werde durch einen neuen Informationsraum möglich, der auf den Fortschritten in der Informations- und Kommunikationstechnologie basiere und in dem jetzt die gesellschaftliche und ökonomische Kommunikation stattfi nde. Folge ist eine neue „informatisierte Produktion“, die erstmals auch Wissens- und Kopfarbeit mit einbezieht.

„Die IT-Industrie ist der strategische Ausgangspunkt dieser Entwicklung“, erklärt Boes. Die Kernfrage für eine erfolgreiche Globalisierung sei, wie IT als „Basisfunktion“ weitergebracht werden könne und wie nachhaltig die Branche sich selbst entwickle. „Leider ist dies am Standort Deutschland noch nicht wirklich verstanden worden.“

Anders gestalte sich die Lage in Indien, das mittlerweile zu einem „strategischen Ort“ der Welt-IT-Branche geworden sei, der selbstständig agiere. Die drei größten indischen ITDienstleister Tata Consultancy Services (TCS), Infosys Technologies und Wipro Technologies spielen mittlerweile weltweit in der ersten Liga. „Früher war Indien der billige Jakob für die Auslagerung von Geschäftsprozessen. Heute pilgern westliche Unternehmen dorthin, um zu lernen, wie Global Delivery funktioniert“, beobachtet der Experte.

Auch China wird nach seiner Einschätzung immer wichtiger in der globalen IT-Branche, wenn auch das Land der Mitte sich bislang auf den Bereich Hardware und hier vor allem auf den Binnenmarkt konzentriert. Hier entwickelten sich aber Software und IT-Dienstleistungen gemeinsam mit den industriellen Kernen. „China ist zwar noch kein Global Player, aber durchaus ein Innovationsstandort für westliche Firmen“, erklärt Boes.

Auch in der deutschen IT-Branche haben Internationalisierungsgrad und -kompetenzen zugenommen. Viele Firmen, die zuvor reines Offshoring praktiziert haben, orientieren sich zunehmend am Leitbild des global integrierten Unternehmens und sind damit strategisch auf dem richtigen Weg. Viele konzerninterne Dienstleister stehen an der Schwelle zur Globalisierung und bemühen sich in Zusammenarbeit mit den Sozialpartnern um nachhaltige Konzepte. „Wie es mit ihnen weitergeht, hängt vor allem davon ab, wie ihre Konzernmütter sich positionieren“, glaubt Boes. Gleichzeitig suchen die IT-Töchter von Großkonzernen noch immer nach ihrem Platz in der Weltwirtschaft.

Mittlerweile revolutionieren Lean-Konzepte und agile Methoden die globale Arbeitsteilung in der Software-Entwicklung. Stabile Organisationsmodelle gibt es für sie jedoch noch nicht. Für Verunsicherung sorgt auch der neue Typus der Cloud Worker. Sie nutzen den Informationsraum zwar konsequent, lassen aber in der Stammbelegschaft überwunden geglaubte Ängste um den eigenen Arbeitsplatz wieder aufl eben. „Hier radikalisiert sich das System permanenter Bewährung in globalem Maßstab und hebelt unsere sozialen Sicherungssysteme aus“, fürchtet Soziologe Boes. „Wenn wir in der Globalisierung den nächsten Schritt gehen wollen, brauchen wir mehr Mut zu einem nachhaltigen europäischen Sozialmodell.“