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Frau Benner

Zukunft der Arbeit im Unternehmen der Zukunft – Handlungsanforderungen für Gewerkschaften

Christiane Benner, geschäftsführendes Vorstandsmitglied IG Metall

Christiane Benner ist Vorstandsmitglied der IG Metall und in dieser Funktion verantwortlich für die Themen IT und Engineering sowie Frauen- und Gleichstellungspolitik.

„Sicherheit im Wandel“ und nachhaltige Prozesse sind für Christiane Benner Anspruch und Leitbild, wenn es darum geht, als Gewerkschaft die Unternehmen mit in die Zukunft zu führen. Im Zentrum steht dabei aus ihrer Sicht die Frage, ob es gelingt, die Beschäftigten bei den notwendigen Umstrukturierungen nicht nur mitzunehmen, sondern auch als aktive und motivierte Promotoren des Wandels zu gewinnen.

„Wir versuchen, uns gemeinsam mit den Beschäftigten flexibler aufzustellen und ihnen gleichzeitig zu vermitteln: Ihr seid sicher – trotz vieler Veränderungen.“ Denn die deutsche Wirtschaft gilt zwar dank ihres seit Jahrzehnten starken industriellen Kerns als weltweit erfolgreich. Aber die Globalisierung und Internationalisierung kompletter Wertschöpfungsketten, gekoppelt mit immer größeren Möglichkeiten, die die Informationstechnologie eröffnet, führen zu neuen Unsicherheiten: Mehr weltweite Konkurrenz und daraus resultierend steigender Kosten- und Effizienzdruck und die Notwendigkeit, Prozesse zu standardisieren und eine globale Steuerung aufzubauen, zwingen die IT-Industrie wie auch die güterproduzierenden Unternehmen in einen permanenten Wandel.

„Die Unternehmen bewegen sich dabei in einem Handlungsdreieck aus technologisch Machbarem, betriebswirtschaftlich Notwendigem und arbeitsorganisatorisch Umsetzbarem“, beschreibt Benner die Situation. Ob es den IT-Unternehmen gelingt, ein Angebot als Technologie- und Know-how-Zulieferer zu entwickeln, oder ob die produzierende Industrie die Kapazitäten selbst aufbaut und die IT-Firmen nur den Service beisteuern, ist für sie in diesem Prozess eine der zentralen Zukunftsfragen.

Ziel der Unternehmen sei die in jeder Hinsicht effiziente Herstellung der richtigen Produkte für den globalen Markt. Erreicht werden soll es durch neue Konzepte für die Arbeitsorganisation wie Lean oder agile Methoden. Aber diese Entwicklung läuft nach Einschätzung der IG Metall durchaus nicht reibungslos: „Es tut sich vielmehr ein Spannungsfeld auf zwischen notwendiger Neuorganisation und Grenzen der Umsetzbarkeit“, interpretiert Benner die Berichte aus der Unternehmenspraxis.

Mit der Frage der Arbeitsorganisation gehe auch die Frage nach der Unternehmenssteuerung in einer globalisierten IT-Industrie einher: „Eine agile Organisation kann nur agil geführt werden“, sagt Benner, „eine tayloristische nur tayloristisch.“ Aber unabhängig davon können die Unternehmen der Zukunft nach ihrer Überzeugung nur erfolgreich sein, wenn sie global und lokal gesellschaftlich akzeptiert handeln. „Denn bei aller Globalisierung setzt sich ein Unternehmen letztlich aus realen lokalen Menschen in realen gesellschaftlichen Zusammenhängen und sozialen Bedingungen zusammen.“

Entscheidend für diese Akzeptanz seien Fragen der Unternehmenskultur und Unternehmensführung vom Thema Compliance bis hin zu guten, modernen Arbeitsbedingungen und zur Anerkennung der Beschäftigten: „Es geht hier massiv auch um die Themen Mitarbeiterführung und Wertschätzung“, betont die Expertin. Zu den Erfolgskriterien, an denen ein modernes Unternehmen gemessen werde, gehörten auch die Vereinbarkeit von Familie und Beruf, die Beteiligung der Beschäftigten, die Anerkennung ihrer Interessenvertretung und der Erhalt von Qualifi kation: „Auch in der Crowd bringen Menschen ihren Intellekt mit ein.“

Methoden oder Strukturen bieten nach Überzeugung der Gewerkschafterin aber letztlich nur Möglichkeiten und setzen Rahmenbedingungen: „Der Prozess selbst wird nur gelingen, wenn die Menschen mitmachen.“ Benner fordert deswegen, die Beschäftigten an der Gestaltung des Unternehmens der Zukunft zu beteiligen, ihnen nicht die Risiken der Veränderungen zuzuschieben und ihnen klar zu machen, dass neue Arbeitsmethoden auch einen persönlichen Mehrwert bringen können, zum Beispiel durch anspruchsvollere Inhalte: „Qualifizierung bleibt wichtig, egal wie digital und virtuell alles wird.“

Dabei machen die Gewerkschaften die Erfahrung, dass das fachliche Interesse der Beschäftigten an Qualitäts-, Prozess- und Innovationsverbesserungen groß ist. Parallel herrscht aber auch Sorge um den Job, seine Inhalte, die materiellen Bedingungen und die Gesundheit: „Das lähmt die notwendigen Ressourcen in den Unternehmen“, beobachtet Benner.

„Unsere Betriebsräte stellen sich verstärkt als Innovatoren auf, aber sie stoßen nicht immer auf offene Ohren.“ Dabei hingen Mitbestimmung und ökonomischer Erfolg von Unternehmen zusammen. So seien familienfreundliche Unternehmen erfolgreicher, tarifgebundene Betriebe mit Betriebsrat produktiver.

„Es stecken viele Chancen in der Digitalisierung der Arbeitswelt, für die wir mit den Beschäftigten gewerkschaftliche Perspektiven entwickeln wollen“, kündigt Benner an. Sie hofft nun, dass die angestrebte „Sicherheit im Wandel“ den Unternehmen nicht „abgetrotzt“ werden muss, sondern das Ergebnis eines Sozialdialogs wird. Entscheidend sei auch, dass die Themen Sicherheit und Attraktivität nicht zu klein gedacht und nur auf betrieblicher Ebene geregelt würden: „Es muss ein Branchen- und Wirtschaftsanliegen sein.“