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PD Dr. Andreas Boes

Wohin geht das Unternehmen der Zukunft?

PD Dr. Andreas Boes, Leiter des Projekts GlobePro, Vorstand ISF München

PD Dr. Andreas Boes gehört dem Vorstand des Instituts für Sozialwissenschaftliche Forschung in München an und ist Privatdozent an der Technischen Universität Darmstadt. Der Fokus seines wissenschaftlichen Schaffens liegt auf dem Thema „Zukunft der Arbeit“.

Die Herausbildung des Unternehmens 2.n bedeutet einen epochalen Umbruch und eröffnet zugleich neue Potenziale, die geistigen Produktivkräfte zu steigern. Doch um diese Potenziale zu heben, so die These von Andreas Boes, muss das Unternehmen der Zukunft seine Beschäftigten in den strategischen Mittelpunkt rücken und für „soziale Nachhaltigkeit sorgen“. Denn die Beantwortung aller Kernfragen von Unternehmensgestaltung – Führung, Nachhaltigkeit, Gender, Integration und Innovation – dreht sich nach Überzeugung des Soziologen heute um den Menschen.

„Wenn ich ein Unternehmen grundlegend verändern will, brauche ich die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter mit ihren Erfahrungen. Bisher gibt es hierfür aber kaum Angebote.“ Boes und seine Forschungsgruppe machen vielmehr die Erfahrung, dass Unternehmen sich immer weiter von der Lebenswirklichkeit ihrer Beschäftigten entfernen. Verfügbarkeitserwartungen steigen und zugleich entsteht ein Gefühl von Entwertung. „So wird Arbeit zur permanenten Bewährungsprobe und die Gesundheit der Beschäftigten hängt am seidenen Faden“, sagt der Experte. Menschen mit großem Verantwortungsgefühl und Führungskräfte seien hiervon besonders betroffen.

Der Veränderungsprozess der Unternehmen vollzieht sich aktuell nicht in kleinen Schritten und schleichend, sondern als Wandel der Grundfesten moderner Unternehmen. In einer kurzen historischen Entwicklungsperiode zwischen Mitte der 1970er und Mitte der 1990er Jahre ist es den Unternehmen gelungen, sich neu zu erfi nden und die konzeptionellen Eckpunkte eines neuen Unternehmenstyps zu etablieren. Anders als das Unternehmen 1.n, das auf der großen Industrie des 19. Jahrhunderts aufbaute und in seinen Rationalisierungsbestrebungen an der Handarbeit ansetzte, orientiert das Unternehmen 2.n primär auf die Steigerung der geistigen Produktivkräfte. Mit der „Industrialisierung neuen Typs“ wird nun vor allem die „Kopfarbeit“ adressiert. Die Basis dafür liefert eine neue Qualität der Informatisierung und insbesondere die Herausbildung eines weltweiten „Informationsraums“. Über diesen Informationsraum gelingt es den Unternehmen, die Steigerung der geistigen Produktivkräfte mit neuartigen Prinzipien der Organisation und der Steuerung zu erreichen.

Im Unternehmen der Zukunft ist derzeit alles in Bewegung: Die Grenzen zur Umwelt verschwimmen, Wertschöpfungsbeziehungen werden umgebaut, Produkte ausgehend vom Kunden entwickelt. Der neue Informationsraum hält laut Boes ein solches „fluides“ Unternehmen zusammen und verhindert, dass es sich in der Cloud auflöst. Gestützt durch IT-Prozesse ist er zugleich Ausgangsbasis und Integrationspunkt der Beschäftigten: „Hier konstituiert sich das Unternehmen der Zukunft in seinen Beziehungen nach außen und innen ständig neu.“ Dabei ist die Öffnung nach außen der Schlüssel für eine erfolgreiche Neuorganisation von Innovation. Auch hier fungiert der Informationsraum als Schaltstelle eines komplexen Beziehungssystems und ermöglicht so kundengetriebene und Open-Source-Innovationen unter Einbeziehung der ganzen Wertschöpfungskette bis hin zum Crowdsourcing mit einzelnen Freelancern. Wie in diesem neuen System Innovationspartnerschaften und Kundenbeziehungen gepflegt, Produkte, Dienstleistungen und Eigentumsrechte gestaltet werden können, gehört zu den noch offenen Fragen.

Vor diesem Hintergrund wird im Unternehmen der Zukunft die Rolle von Führung neu bestimmt. Die Betroffenen sind angesichts vielfältiger neuer und zum Teil widersprüchlicher Erwartungen in einer komplizierten Gemengelage. Hierarchien und Weisungsbefugnisse verlieren an Bedeutung, gleichzeitig aber müssen cross-funktionale Teams, komplizierte Beziehungsgeflechte „empowerter“ Mitarbeiter und die strikt vorgegebenen Prozesse funktionieren. Eine Führungskraft im Unternehmen 2.n muss überzeugen und integrieren können und steht dabei ständig unter Bewährung. „Das Tabu der Abstiegskarriere wird durchbrochen“, beobachtet Boes. „Auch Führungskräfte stehen zur Disposition. Der Abstieg ist möglich.“ Der Abbau unterstützender Ressourcen aus Kostengründen, die Entfremdung von den eigenen Mitarbeitern, der Verlust von Fachlichkeit und Frustrationen vor allem auf der mittleren Führungsebene verschärfen die Situation weiter.

Eine zweischneidige Zwischenbilanz zieht Boes auch beim Thema Frauenkarriere. Das Unternehmen der Zukunft werde ganz sicher nicht automatisch weiblich. „Aber die jetzige Umbruchsituation verbunden mit einem Bewusstseinswandel in Gesellschaft und Politik eröffnet Frauen einen historischen Möglichkeitsraum.“ Dabei liegen Chancen und Risiken eng beieinander. Einerseits könnten professionalisierte Personalentscheidungen die Benachteiligung qua Geschlecht aufheben und eine flexiblere Arbeitswelt könnte die Vereinbarkeit von Familie und Beruf verbessern. Andererseits aber blockierten Verfügbarkeitserwartungen Menschen mit sozialen Verpflichtungen außerhalb der Arbeit. Für Boes sind deswegen zwei Szenarien denkbar. Entweder die Unternehmen verbessern die Karrierechancen nachhaltig für alle Frauen oder sie beschränken sich auf Alibiaktivitäten, die nur eine Minderheit von Frauen in Führungspositionen bringen. „In diesem Fall würde oben ein neuer Lack aufgetragen und darunter bliebe alles beim Alten“, fürchtet der Soziologe.

Die jahrzehntelange Suche nach einem Nachfolger für das bereits Mitte der 1970er Jahre in die Krise geratene Unternehmen 1.n war also bislang mit der IT-Industrie als Innovationsführer nur zum Teil erfolgreich. „Der neue Unternehmenstyp nimmt Gestalt an, aber wenn er Realität werden soll, müssen wir diese Leitlinien jetzt ausgestalten“, mahnt Boes.