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Matthias Grund

Quo vadis, agile Software-Entwicklung? Wie agile Software-Entwicklung Berufsbilder verändert

Matthias Grund, Vorstand, andrena objects AG

Matthias Grund ist Vorstand der andrena objects AG, einem der renommiertesten Beratungsunternehmen für agile Arbeitsmethoden. Grund ist als Software-Entwickler, Berater und Projektmanager seit 1986 international unterwegs.

Die Software-Entwicklung hat seit ihren Anfängen in den 60er Jahren des letzten Jahrhunderts viele Stationen durchlaufen. Zunächst von den industriellen Prinzipien des Taylorismus geleitet, dann vom Ideal eines über dem Prozess schwebenden und dem einfachen Entwickler übergeordneten Software-Architekten bestimmt, folgte das Bild des Entwicklers als Einzelkämpfer. Seit dem agilen Manifest im Jahr 2001 befindet sich die Branche mitten in einem weiteren Paradigmenwechsel hin zur flexiblen Entwicklungsarbeit im Team.

Für Matthias Grund gehört die Zukunft dem „agilen Softwareingenieur". Das 1968 als Reaktion auf die Softwarekrise auf einer NATO-Tagung eingeleitete Software-Engineering, das auf eine Trennung von Produktplanung und -umsetzung sowie rein mechanische Entwicklungsprozesse hinauslief, hält der Berater für ebenso verfehlt wie das „Traumbild" des Softwarearchitekten. „Das Wasserfallmodell und seine nachgelagerte Qualitätssicherung haben sich als untauglich erwiesen", sagt Grund. „Faktisch ist Software-Entwicklung ein individueller Prozess."

Doch auch an diesem Punkt ist die Entwicklung mittlerweile weitergegangen. Revolutionen in der Hardware machen die Computer schneller und die Feedback-Zyklen in der Programmierung kürzer. Das Manifest für agile Softwareentwicklung hat sich vor diesem Hintergrund der Interaktion zwischen Individuen in der Gruppe, der Kooperation mit dem Kunden, flexiblen Reaktionen auf Veränderungen statt fester Pläne und der Orientierung der Entwicklungsarbeit an der Funktionalität der Software verschrieben.

Praktische Ausformung finden diese Grundsätze in neuen Verfahren wie dem Arbeiten mit Entwurfsmustern, Modultests, Testgetriebener Entwicklung und vor allem in der Scrum-Methode. Sie setzt auf Transparenz, regelmäßige Überprüfung und Korrektur von Arbeitsschritten und deren Anpassung an wechselnde Anforderungen. „Wir haben es hier mit einem ganz extremen Richtungswechsel zu tun", erklärt Grund. „Scrum kennt nur das Team, nicht den einzelnen Entwickler." Damit sei in der Software-Entwicklung ein neues Kraftzentrum, ein neuer Interessenträger entstanden.

Dass derartige Kompetenzverschiebungen auf Skepsis, Desinteresse, ja sogar Widerstand stoßen, ist nach Grunds Ansicht kein Phänomen des 21. Jahrhunderts. Experimente mit „Gruppenfabrikation", wie der Karlsruher Soziologe Willy Hellpach und Daimler-Vorstand Richard Lang sie bereits 1922 durchgeführt haben, scheiterten schon zu Zeiten der Weimarer Republik, weil seinerzeit das Team als Instanz mit starker Kontrollfunktion gegenüber dem Einzelnen abgelehnt wurde.

Ähnliche Bedenken werden aber nach Grunds Beobachtung durchaus auch in der heutigen Softwarebranche laut. „Die Entwicklung hin zu mehr agilem Arbeiten bietet Spielräume für Gestaltung, die wir aber auch füllen müssen, um die Akzeptanz zu erhöhen", betont er. So verlangt nach seiner Überzeugung der Umgang mit der Transparenz, die agile Arbeitsmethoden wie Scrum oder Pair Programming erfordern, eine neue Kultur des Vertrauens. „Die Offenlegung des eigenen Wissens oder auch von Schwächen und Schwierigkeiten fällt vielen Informatikern nicht leicht", beobachtet der andrena-Vorstand. Zudem müsse der potentielle Interessengegensatz zwischen Team und Teammitgliedern aufgelöst werden. Selbstorganisation sei gefragt und die Fähigkeit, den eigenen Verantwortungsbereich auszufüllen und zu nutzen ohne sich dabei zu überfordern.

„Agile Software-Ingenieure" müssen also technische, planerische, kommunikative und organisatorische Skills erfüllen und teamorientiert arbeiten können. Für die Softwareunternehmen bedeutet dieses ganzheitliche Profil, dass sie in eine nachhaltige Aus- und Weiterbildung ihrer Beschäftigten investieren müssen. Seit 2003 bietet Grunds Beratungsunternehmen Scrum-Kurse an. Bei der SAP AG hat andrena objects mittlerweile weltweit und technologieübergreifend 3000 Ingenieure in agilen Methoden trainiert. Das Feedback auf die ein- bis zweiwöchigen Kurse sei positiv, berichtet Grund: „Wir konnten über die Kulturgrenzen hinweg neues Vertrauen in und zwischen den Teams aufbauen."