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Christiane Benner

Neue Formen der Industrialisierung als Handlungsanforderung an Gewerkschaften

Christiane Benner, geschäftsführendes Vorstandsmitglied IG Metall

Christiane Benner ist Vorstandsmitglied der IG Metall und in dieser Funktion verantwortlich für die Themen IT und Engineering sowie Frauen- und Gleichstellungspolitik.

Die IG Metall ist mit der Industrialisierung groß geworden. Im Laufe ihrer Geschichte hat sie Kompetenzen erworben und Erfahrungen gesammelt, die auch bei der Gestaltung des industriellen Wandels heutiger Prägung zum Tragen kommen können. In der IT-Branche, die Vorreiter für neue Arbeitsprozesse ist und im Rahmen der Hightech-Strategie der Bundesregierung eine Schlüsselrolle einnimmt, hat die Gewerkschaft schon Fuß gefasst: mit Betriebsräten, gewerkschaftlicher Organisation und rund 300.000 Ingenieuren, IT-Experten und Wissensarbeitern, die mittlerweile IG Metall-Mitglied sind.

Auch wenn sich IT-Unternehmen damit vermeintlich den klassischen Industriebetrieben angleichen, greifen nach Überzeugung von Christiane Benner die alten Muster zu kurz. „Es gibt keine strikte Trennung mehr zwischen old und new economy", sagt die Vorstandsfrau mit Blick auf Konzepte wie Industrie 4.0 und die Tatsache, dass selbst Stahlunternehmen sich heute als „integrierte Technologiekonzerne" bezeichnen. „Es geht um eine Industrialisierung neuen Typs, in der ganz neue Herausforderungen und Aufgaben auf Beschäftigte zukommen werden", betont Benner. Die IG Metall und die Betriebsräte begriffen diese Entwicklung als Herausforderung, die sie gestalten wollten.

Handlungsbedarf sieht Benner in drei Bereichen: der Restrukturierung, der Humanisierung von Arbeit und der Berücksichtigung der Veränderungen in betrieblichen, tariflichen und gesetzlichen Regelungen. Dabei bedeutet Restrukturierung heute mehr als die Ablösung der Massenfertigung durch Gruppenarbeit oder die Abstrahierung der industriellen Arbeit durch Informatisierung. Aktuell sieht die Gewerkschaftlerin unterschiedliche Tendenzen, wenn es um die Gestaltung von Wissensarbeit geht. Es gebe immer weniger Unternehmen, in denen man Kopfarbeiter „einfach machen lasse". Hier müsse das Ergebnis pünktlich vorliegen, gut und kostendeckend sein. Der Weg zum Ergebnis bleibe oft unklar.

„Mit Lean-Konzepten aber beginnt der Blick in die Black Box." Viele Unternehmen
versuchen nach Benners Beobachtung im Bereich der Wissensarbeit genau die Arbeitsteilung vorzunehmen, die man in der industriellen Produktion überwunden glaubte. Arbeitsschritte würden erfasst und standardisiert, Arbeitspakete penibel geschnürt, um in die weltweiten Prozessabläufe zu passen. Benner fürchtet angesichts einer solchen „virtuellen Fließbandarbeit" um den Erhalt von Innovationsfähigkeit und Kreativität, die hochqualifizierte Arbeit ausmachen.

Auch Gewerkschaften hätten ein Interesse am Produktivitätsfortschritt, betont sie. Die Analyse und Optimierung von Arbeitsabläufen könne durchaus sinnvoll sein: „Aber wir sehen auch die Gefahr einer Übersteuerung durch übertriebenes Controlling und Leistungsüberprüfung." Wenn Hochqualifizierte über geringe Handlungsspielräume und fehlende Entwicklungsperspektiven klagten, sei dies in Zeiten des Fachkräftemangels ein bedenkliches Signal und eine Vergeudung von Ressourcen.

Mit der permanenten Restrukturierung und Lean Konzepten einher gehen steigende Belastungen. So berichtet Benner über eine extrem angespannte Situation bei den ITBeschäftigten. Die Verfügbarkeitskultur in der Branche sowie die Entgrenzung von Arbeit und Freizeit und die Flexibilisierung von Arbeitszeiten sieht sie als „Riesenproblem". Aus Sicht der IG Metall ist deswegen ein ganzheitliches Gesundheitsmanagement notwendig, das die Führungskultur, die Strukturen und die Beschäftigten umfasst. Das Thema psychische Belastungen sei allerdings auch für einige Arbeitnehmervertretungen noch relativ neu, räumt sie ein.

Aus den beschriebenen Veränderungen ergibt sich letztlich der Handlungsauftrag an Arbeitgeber und Gewerkschaft, Arbeitszeit- und Entgeltregelungen neu zu justieren und für eine neue Humanisierung von Arbeit zu sorgen. Knapp 3,6 Millionen Beschäftigte sind nach den 2003 ausgehandelten Entgelt-Rahmentarifverträgen eingruppiert, welche die Trennung in Lohn und Gehalt aufgehoben haben und auch Tätigkeiten im IT-Bereich abdecken. IT-spezifische Regelungen mit Sabbatjahren, Zielvereinbarungen, Qualifizierungszeiten und variablen Entgeltbestandteilen hatte es bereits in den 90er Jahren in Tarifverträgen mit dem Computerhersteller Digital Equipment/Compaq oder dem Systemhaus Debis gegeben.

Telearbeit, Home Office, Werkverträge, Leiharbeit, Crowd-Sourcing, neue Bürokonzepte und eine Autonomie, die Leistungsdruck noch steigern kann, prägen die neue Arbeitswelt. Trotz kurzer Innovationszyklen erfordert diese nach Benners Überzeugung eine systematische und zugleich flexible Personalentwicklung und im Sinne einer „soliden Grundlagenbildung" neue Qualifikationen und Skills. Vordringlich seien zudem Arbeitszeitregeln, die nicht nur der Vereinbarkeit von Arbeit und Familie Rechnung trügen, sondern auch den Gesamtlebensentwürfen der Beschäftigten.