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PD Dr. Andreas Boes

Auf dem Weg in eine Industrialisierung neuen Typs

PD Dr. Andreas Boes, Leiter des Projekts GlobePro, Vorstand ISF München

PD Dr. Andreas Boes gehört dem Vorstand des Instituts für Sozialwissenschaftliche Forschung in München an und ist Privatdozent an der Technischen Universität Darmstadt. Der Fokus seines wissenschaftlichen Schaffens liegt auf dem Thema „Zukunft der Arbeit".

Die Globalisierung hat neue Ansätze zur Standardisierung und Prozesssteuerung hervor gebracht und geht mit einem völlig neuen Typ von Industrialisierung einher. Nach zehnjähriger Forschung zu diesem Thema kommt Andreas Boes zu dem Schluss, dass unsere Arbeitswelt mit der Öffnung eines global vernetzten Informationsraums vor einer historischen Zäsur steht. Denn soziale Interaktionen wie auch Produktionsprozesse und deren Steuerung finden zunehmend in diesem oftmals nur „virtuellen“ Umfeld statt.

„Der globale Informationsraum schafft die Grundlage für eine zweite Industriegesellschaft“, erklärt der Soziologe. In Folge dessen werde auch die „Demarkationslinie“ zwischen Hand- und Kopfarbeit aufgebrochen: „Hier greift erstmals Industrialisierung auch auf kreative Tätigkeitsbereiche über, bei denen wir zu hundert Prozent überzeugt waren: da funktioniert Industrie nicht.“ Neben Modellen wie Industrie 4.0, Factory-Konzepten und Shared Services sind dabei Lean-Methoden die ambitionierteste Form, wenn es um die Neugestaltung von Arbeit und Organisation in Management, Produktion und Entwicklung geht.

Die Idee, auch hochqualifizierte Kreativarbeit zu industrialisieren, galt lange als zum Scheitern verurteilt. Ursache hierfür ist nach Boes' Überzeugung die im 19. Jahrhundert begründete und auf die Ideen des amerikanischen Ingenieurs Frederick Taylor zurückgehende wissenschaftliche Betriebsführung, die unser Verständnis von Industrialisierung bis heute prägt. Die damit einhergehende Rationalisierung von Handarbeit durch organisatorische Vorgaben oder den Einsatz von Maschinen weise einen „fundamentalen Webfehler“ auf, sagt Boes, weil sie sich nicht an übergeordneten Prozessen, sondern an einzelnen Arbeitsschritten orientiere. „Das Ganze mündete im Autismus der Abteilungen in der fordistischen Fabrik.“

Versuche, Taylors Grundsätze auf Kopfarbeit zu übertragen, führten zu bürokratischen Kontrollstrategien und scheiterten in der Praxis. Kreativität und industrielle Fertigung galten daher lange als Widerspruch. Heute bietet Informatisierung die Möglichkeit, Hand- und Wissensarbeit miteinander zu verknüpfen. Boes bezeichnet sie als das „verdeckte Fundament“ der Industrie. „Alles hängt mit allem zusammen“, beschreibt er das System, das Unternehmen gestützt auf IT-Prozesse in die Lage versetzt, weltweit „aus einem Guss“ zu handeln und auch die Potentiale der „Kopfarbeiter“ zur Steigerung ihrer Produktivkraft zu heben.

Der Informationsraum hat damit nach seiner Auffassung die gleiche Bedeutung für die Industrialisierung neuen Typs wie die Maschinensysteme für die klassische Industrie. Die neue Industrialisierung, die uns die IT-Branche vorlebt, rückt Prozesse, Informationen und geteiltes Wissen in den Vordergrund. Sie bindet persönliche Kopfarbeit in objektive Verfahren ein, macht sie wiederholbar und planbar. „Wir erleben hier einen echten qualitativen Sprung“, sagt der Experte.

Lean-Ansätze würden dabei zur „Königsdisziplin“ in der Arbeitsgestaltung. Sie sollen die Produktion alter tayloristisch-fordistischer Prägung überwinden, die in den IT-Unternehmen im sogenannten Wasserfall-Modell ihre Ausprägung findet. In Verbindung mit agilen Methoden werden die „schlanken“ Konzepte zum neuen Produktionsmodell in der Software- Entwicklung.

In der Praxis bedeutet dies, dass Entwicklungsintervalle kürzer werden, tausende Entwickler miteinander im Takt arbeiten und komplexe Software auf der Basis von Prioritätenlisten, so genannten Backlogs, zerlegt wird. „Nukleus“ des neuen Systems ist das Team, das sich weitgehend selbst organisieren und auf Etappenziele verständigen soll: „Jeder einzelne Entwickler verlässt damit seinen Wissenscontainer“, sagt Boes. Führungskräfte würden zum Coach.

Die Beschäftigten empfänden solche Veränderungen zwar als Schritt in die richtige Richtung, begegneten ihnen aber im Arbeitsalltag mit gemischten Gefühlen. Dass ihre Arbeit jetzt öffentlich und ihr Wissen „kollektiviert“ werden soll, erleben zum Beispiel Jüngere durchaus als Chance. Für ihre älteren Kollegen kann dies aber auch die Entwertung der persönlichen Leistung bedeuten. Neues Vertrauen im Team und zu den Vorgesetzten aufzubauen wird damit oftmals schwierig. Und das so genannte Empowerment der Beschäftigten, den zentralen Erfolgsfaktor des ganzen Systems, finden viele alles andere als selbstverständlich.

Damit steht für Andreas Boes die Software-Entwicklung an einem Scheideweg, der entweder in einem Produktivkraftsprung oder aber in austauschbarer IT-Arbeit vom Fließband enden könnte. Mit Blick auf diese beiden Szenarien empfiehlt der Wissenschaftler der Branche, den Kopf nicht in den Sand zu stecken, Herausforderungen anzunehmen und Ängste und Widerstände ernst zu nehmen. „Vor allem aber geht es darum, die Industrialisierung neuen Typs im Interesse der betroffenen Menschen zu gestalten.“