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Vernetzung mit dem e-Skills Prozess innerhalb der EU

Interview mit Dr. Michael Ehrke, Bildungsexperte beim IG Metall-Vorstand, 08.06.2009

SM: Herr Dr. Ehrke, auf unserem Kick-off zu GlobePro sprachen Sie über die Vernetzung mit dem e-Skills Prozess innerhalb der EU. Was hat sich in der Zwischenzeit getan und wie bewerten Sie den aktuellen Stand?

ME: Schon seit geraumer Zeit wird auf die Gefahr hingewiesen, dass es in Europa in absehbarer Zeit zu einem Mangel an IKT-Fachkräften und zu Diskrepanzen zwischen Angebot und Nachfrage in diesem Bereich kommen könnte. Man erinnere sich nur an die Bitkom-Meldung, dass in Deutschland schon jetzt 30.000 Informatiker fehlten.
Auf europäischer Ebene wird diese Debatte vorrangig aus standortpolitischer Sicht geführt. Das Wirtschaftskommissariat moderiert einen sogenannten Sektordialog der europäischen IT-Wirtschaft dazu, in dem die Sozialpartner und andere stakeholder gemeinsam Strategien entwickeln zur Stärkung der IT-Fachkräftepolitik.

SM: Was können wir uns unter dem Sektordialog vorstellen?

ME: Der Sektordialog im Bereich IT basiert auf der Lissabon-Strategie der EU, wonach „e-skills" in Europa als Schlüssel- und Kernkompetenz verstanden werden. Das gilt nicht nur für die IT-Profis in den „Anbieterbranchen", sondern auch für die User - sowohl die Konsumenten als auch für die Beschäftigten der „Anwenderbranchen", die IT-Technologien in ihrem beruflichen Alltag anwenden.
Vor diesem Hintergrund ist nun eine für die Aus- und Weiterbildung der IT-Fachkräfte in allen EU-Staaten wichtige guideline entstanden: der E-Competence Framework (ECF). In einem ca. vierjährigen Prozess wurde unter starker Beteiligung der deutschen Sozialpartner, aber auch von UK, Finnland, Frankreich Niederlande u.a. Mitgliedstaaten ein IT-spezifischer Qualifikationsrahmen entwickelt, der die für den europäischen IT-Sektor bedeutsamen Standards und Kompetenzen nach Art und Level beschreibt. Das Projekt erfolgte in Abstimmung mit dem EQF, der seit 2008 gilt und alle nationalen Bildungssysteme der 27 Mitgliedsstaaten zueinander in Beziehung setzt, um sie transparent und vergleichbar zu machen.

SM: Ist das überhaupt möglich? Schon allein die Schulsysteme weisen doch gravierende Unterschiede auf.

ME: Der europäische IT-Sektorrahmen hat eine neue Philosophie, die vom EQF vorgegeben ist: Maßstab sind nicht mehr die Bildungsinstitutionen, auf denen man ausgebildet wurde, wie der Schultyp, die Berufsausbildung oder die Universität. Entscheidend für den Vergleich und die Bewertung von Bildungsgängen sind vielmehr die erreichbaren Lernergebnisse, die outcomes: Was lernt man in einer IT-Ausbildung, welche beschreibbaren Kompetenzen werden erlangt. Wo das geschehen ist, spielen dabei zunächst einmal keine Rolle, d.h. ob zum Beispiel eine Qualifikation an einer Hochschule erworben wurde oder nicht. Das kommt den Erfordernissen des Arbeitsmarktes und der betrieblichen Personalpolitik entgegen, für die Zertifikate eigentlich erst dann aussagekräftig sind, wenn sie ein bestimmtes Kompetenzprofil garantieren. In der deutschen Berufsausbildung ist uns diese Herangehensweise nicht ganz fremd. Unsere Ausbildungsberufe ziehen ihre Attraktivität daraus, dass durch bundeseinheitlich definierte Qualifikationsprofile und -levels („Facharbeiter") Beschäftigungsfähigkeit („berufliche Handlungsfähigkeit") hergestellt wird, die für jedes Unternehmen nachvollziehbar ist. Das „Revolutionäre" speziell für Deutschland besteht allerdings darin, dass die Gleichwertigkeit von beruflicher und akademischer Bildung ausschließlich an den outcomes gemessen wird. Die Uni kann folglich nicht mehr exklusiv die Vermittlung von Hochqualifikationen für sich reklamieren.
Die IT-Branche stellt in diesem Konzert in Europa momentan eine wichtige Stimme dar. Der ECF setzt als erster Sektorrahmen die genannten Prinzipien um und damit auch Standards dafür, wie so ein branchenbezogener Qualifikationsrahmen aussehen kann.
Das E-Competence-Framework wurde im Herbst 2008 auf der europäischen e-skills-Konferenz in Thessaloniki verabschiedet und soll nun in den nationalen IT-Branchen erprobt werden.

SM: Was heißt das jetzt aktuell für Deutschland?

ME: Zum einen haben wir nun internationale Kriterien zur Bewertung von Qualifikationen, Bildungsgängen, etc, welche ganz konkret in der Personalarbeit genutzt werden können: Unternehmen wie auch Betriebsräte haben damit ein Werkzeug zur Hand, mit dem sie beurteilen können: Wie sind unsere Leute ausgebildet? Sind wir mit unseren Qualifikations- und Jobprofilen in the state of the art? Decken unsere Ausbildungsgänge die aktuellen Standards ab? etc.
Für uns als IGMetall ist es zudem wichtig, dass wir die europäischen Dokumente in unserem Projektnetzwerk und darüber hinaus schlicht bekannter machen. Wir arbeiten, gemeinsam mit den Fachleuten, unter Hochdruck an einer belastbaren Übersetzung, die wir dann allen zur Verfügung stellen können.
Zum anderen beschäftigt sich zurzeit jedes Mitgliedsland mit der Umsetzung des europäischen in einen nationalen Qualifikationsrahmen, so auch Deutschland. Hier wurde unter Beteiligung von Bund, Ländern, Hochschulen und Sozialpartnern eine Fachgruppe IT gebildet, welche in den kommenden Monaten die deutschen Bildungsgänge ebenfalls nach den Kriterien des EQF und des inzwischen entwickelten DQR bewertet. Das wichtigste ist aktuell, dass wir die europäischen Qualifikationsstandards auch im nationalen Rahmen beachten und umsetzen. Wenn jedes Land sein eigenes Süppchen kocht, haben wir nichts gewonnen.

SM: Hat das auch unmittelbare Konsequenzen für GlobePro?

ME: Das Kernanliegen unseres gemeinsamen Projekts GlobePro ist es, die deutschen IT-Berufe zukunftsfest zu machen. Es liegt auf der Hand, dass dafür der europäische e-skills-Prozess von großer Bedeutung ist. In diesem Kontext müssen sich unsere IT-Ausbildungen bewähren. Deshalb werden wir als nächstes im Rahmen von GlobePro die Inhalte des ECF genauer analysieren und die deutschen IT-Abschlüsse auf Basis des ECF bewerten. Mit dieser Arbeit haben wir jetzt begonnen. Spätestens Ende des Jahres wollen wir die Ergebnisse vorlegen.
Auch für die Weiterentwicklung des ECF kann GlobePro eine Rolle spielen. Wir wollen ja untersuchen, welche Auswirkungen die Globalisierung hat und welche Qualifikationen in Zukunft international notwendig sind. Unsere Erkenntnisse können einen interessanten Mehrwert für die Diskussion auf europäischer Ebene liefern. Denn die jetzige Fassung des ECF ist quasi die Version 1.0. Die Entwicklung wird weitergehen. In etwa drei bis fünf Jahren wird eine Version 2.0 nötig sein, hier kann GlobePro unter Umständen mit seinen Ergebnissen einen Beitrag leisten. Eine Aufgabe der IG Metall als Projektpartner wird sein, diesen link zum ECF zu gewährleisten.
Für uns bei GlobePro ist auch wichtig, dass sich unsere Projektarbeit mit den aktuellen Aktivitäten zum Deutschen Qualifikationsrahmen verbindet. Wir müssen uns einbringen, damit nicht am Ende in Deutschland IT-Qualifikationen festgeklopft werden, die nicht europafähig sind und der Globalisierung nicht standhalten.

Herr Dr. Ehrke, wir danken für das Gespräch

Die Fragen stellte Susann Mathis

Weiterführende Informationen:

www.ecompetences.eu  ¦  www.deutscherqualifikationsrahmen.de

Broschüre zum Download 

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