GlobePro

Global erfolgreich durch professionelle Dienstleistungsarbeit.

Jörg Wacker, SAP AG und Christian Gengenbach, Software AG (rechts)

Workshop 3 „Globale Software-Entwicklung"

Beiträge von
Christian Gengenbach (Software AG),
Jörg Wacker (SAP AG)

Moderation: Kira Marrs (ISF München)

Die Prinzipien des „lean development" bilden die Basis für einen Umbruch in der Organisaton der Software-Entwicklung. Empowerte Teams, synchron getaktete Produktionszyklen, kollektive Wissensformen und das Prinzip kontinuierlicher Verbesserungsprozesse bilden ein neuartiges Bezugssystem in der Software-Entwicklung. Im Workshop 3 wurde über Konzepte und Umsetzung von Lean Development in der Praxis gesprochen und die Frage diskutiert, ob Lean Development ein neuer Weg ist um Software-Entwicklung global verteilt zu organisieren. Den Rahmen lieferten Praxis-Beiträge von zwei der Protagonisten für Lean Development in Deutschland, die SAP AG und die Software AG. Die Vorträge von Christian Gengenbach (Software AG) und Jörg Wacker (SAP AG) vermittelten spannende Einblicke in die praktische Umsetzung und Konzeption von Lean Development in den jeweiligen Unternehmen, die sich im Hinblick auf die Globalisierung als wichtige Reorganisationsmaßnahmen herausstellten.

Im Vortrag von Christian Gengenbach für die Software AG wurden zunächst das Unternehmen und dessen Entwicklung vorgestellt. Durch diverse Akquisitionen integrierte die SAG zunehmend weltweit verteilte Standorte. Einerseits verhalf der damit einhergehende Erfolg in den USA dazu am deutschen Heimatmarkt zu wachsen, andererseits führte dies auch zur Herausforderung Software global verteilt erbringen zu lassen. An die Darstellung des Unternehmens anschließend wurden die grundsätzlichen Prinzipien des Lean Gedanken und der Agilen Methoden erläutert. Die Kombination von Lean Software Developement und Agilen Methoden war eine Abkehr von schwerfälligeren Ansätzen wie dem klassischen Wasserfallmodell. In der konkreten Reorganisation setzte man je nach Beschaffenheit und Anforderung der Produktbereiche verschiedene Schwerpunkte. So wurde zum Beispiel in einem Bereich verstärkt Wert auf Guidelines und Coachings gelegt, um den Entwicklern eine Orientierung zu geben. In einem anderen Bereich stand die „continious integration" im Vordergrund. Letzteres meint das kontinuierliche Zusammenführen und Testen - auch global verteilt - erstellter Software. Somit konnte auch international eine Transparenz erzeugt werden, wie sie durch Meetings nicht möglich war und die Zusammenarbeit entscheidend verbessert werden. Lean und Agile wurden damit zu entscheidenden Ansätzen um die Produktqualität, Teamwork, Flexibilität in der Entwicklung sowie Transparenz und Abstimmung zwischen den Teams zu verbessern. Abschließend berichtete Gengenbach von den Erkenntnissen aus der Einführung der neuen Ansätze bis zum jetzigen Zeitpunkt. Die hier beschriebene Umstellung musste sehr umfassend und auf allen Ebenen der Organisation stattfinden. Während es manchem Mitarbeiter dabei schwer viel, sich von liebgewonnenen Gewohnheiten zu trennen, bewerteten andere die Umstellung als Chance sich weiterzuentwickeln. Die Umstellung von Lean und Agile ist allerdings noch nicht vollkommen abgeschlossen. Zu bewältigende Herausforderungen sind z. B. ein erhöhter Stress vieler Mitarbeiter und nachlassende Bemühungen, die neue Herangehensweise umzusetzen.

Der zweite Praxisbericht von Jörg Wacker präsentierte die Erfahrungen der SAP AG mit der Einführung von Lean und Agilen Methoden - auch vor dem Hintergrund der Globalisierung. Im ersten Teil des Vortrags wurde das Unternehmen und deren Entwicklung mit einer global wachsenden Belegschaft dargestellt. Ein bedeutsamer Einschnitt lag in der Stagnation des vorher stets steigenden Ertrags pro Beschäftigten, der zu der Frage führte, wie man wieder an die bisherigen Erfolge anknüpfen konnte. Das klassische Entwicklungsmodell war durch eine sukzessive Abfolge der Phasen Analyze, Design, Code, Test und Delivery gekennzeichnet. Dabei schien die eigentliche Zeit zu entwickeln, also der unmittelbar wertschöpfenden Tätigkeit, im Vergleich zum Schreiben von Spezifikationen und Testen immer geringer zu werden. Wie auch die Software AG setzte die SAP AG auf die Einführung von Lean und Agile Methoden. Zu diesem Zweck wurde die Belegschaft in Teams aufgeteilt, die getaktet - also in denselben zeitlichen Abständen - ihre Aufgaben fertig stellen sollten, um die Arbeitsteilung zwischen den Teams zu erleichtern. Weiter klassische Lean Prinzipien die eingeführt wurden waren z. B. ‚Pull' (nur dezidiert angeforderte Aufgaben werden erledigt) und ‚continious improvement' (selbstständige Sitzungen der Teams, um z. B. Arbeitsabläufe zu verbessern). Ein Schlüssel für eine erfolgreiche Umsetzung war außerdem die Skalierung von Lean und Agile Methoden über mehrere Ebenen hinweg. So werden die einzelnen Entwicklerteams durch das sogenannte Area Product Team koordiniert, das sich aus Vertretern der Entwicklerteams zusammensetzt. Eine Ebene darüber wiederum entscheidet das Chief Product Team über wesentliche Vorgaben zur Produktentwicklung. Der Rollout erfolgte dabei schrittweise und war von Coaches und Lernprozessen begleitet. Die Statistiken zeigen, dass Fehler in der Software-Entwicklung stark zurückgegangen sind und sich somit das Zeitfenster für die Software-Entwicklung in der Wertschöpfungskette wieder vergrößert hat. Darüber hinaus ist der Ertrag pro Beschäftigten insbesondere mit dem globalen Rollout 2010 wieder gestiegen.

 


In einer gemeinsamen Diskussion der Inputs des Workshops und der Forschungsergebnisse des GlobePro Projekts wurden noch einmal die entscheidenden Aspekte zur Verbesserung globaler Software-Entwicklung herausgestellt: Durch die Einführung von Lean und Agile Methoden gelingt es Unternehmen erstmalig ganzheitlich und standortübergreifend einheitliche Prozesse in der Software-Entwicklung zu etablieren. Vorteile dadurch sind es, weltweit dasselbe Verständnis von Software-Engineering unter den Entwicklern zu ermöglichen und zusätzlich durch klare Schnittstellen zwischen den Teams die Basis für eine geordnete und verteilte Kooperation zu schaffen. Letztere basiert auf der standortübergreifend synchronisierten Integration von ‚usable' Software, die einen entscheidenden Fortschritt für die globale Software-Entwicklung darstellt. Erst durch „continious integration" entsteht für die Zusammenarbeit der Entwickler die notwendige Basis für Transparenz, gemeinsames Lernen und Austausch auf globaler Ebene. Begleitet wurde die Einführung von Qualifizierungsmaßnahmen, in denen man die weltweite Belegschaft durch Schulungen und Coachings zur Anwendung von Lean und Agile Methoden befähigte. Beide Referate machten deutlich, dass der große Aufwand und die Umstrukturierungen für eine erfolgreiche global verteilte Software-Entwicklung, nicht top-down beschlossen und eingeführt werden konnte. Notwendig sind dafür ebenfalls die Motivation und die aktive Beteiligung der Beschäftigten, die kontinuierlich die Arbeitsprozesse im globalen Unternehmen unterstützen. Damit wurde noch einmal das Credo der Veranstaltung unterstrichen: Eine global vernetzte Ökonomie braucht den Menschen.

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