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Technikerqualifikation aufwer­ten

28.09.2009 | 09:32 | Susann Mathis

Nicht Gleichartigkeit, aber Gleichwertigkeit: Technikerqualifikation aufwerten

Von Wolfgang Hill

Für immer mehr Unternehmen werden Geschäftsmodelle, die sich auf globale Märkte ausrichten, zu einer wettbewerbsentscheidenden Herausforderung. Die Internationalisierung ist dabei eine Aufgabe für alle Beschäftigten; nicht nur für Spezialisten, sondern auch für Mitarbeiter/innen, die auf dem mittleren Qualifikationsniveau „Tür an Tür" mit Kunden und Kollegen im Ausland arbeiten.
Mit der Einführung des Bachelors, besonders in Zeiten des DQR, werden die Absolventen/innen von Technikerschulen abgewertet und erhalten nicht die entsprechende gesellschaftliche Anerkennung. Ein Lösungsansatz wäre u. a. die neue Bezeichnung „Bachelor Professional" für den „Staatlich geprüften Techniker", womit nicht die Gleichartigkeit, wohl aber die Gleichwertigkeit der beiden Bachelorabschlüsse betont wird. Die neue Bezeichnung wäre kein formaler Austausch von Begriffen, sondern inhaltlich ein qualitativ neuer Ansatz, unterstützt durch einen entsprechenden Qualitätsnachweis.

„Bachelor Professionals" als neue Berufsbezeichnung für Absolventen/innen der geregelten beruflichen (nichtakademischen) Weiterbildung auf hohem Niveau (Techniker/innen)

Die Systeme der beruflichen Aufstiegsfortbildung im europäischen Raum bieten ein sehr heterogenes Bild. Rechtsgutachten belegen, dass die Bezeichnung „Bachelor" im EU-Raum nicht ausschließlich Hochschulabsolventen vorbehalten ist. Der Europäische Qualifikationsrahmen (EQR) stellt ein Bezugssystem zur Orientierung der Mitgliedsstaaten dar, das Transparenz und Vergleichbarkeit von Kompetenzen und Qualifikationen in Europa schafft. Die acht Niveaustufen fungieren als Übersetzungsinstrument zwischen den Bildungs- und Qualifikationssystemen der EU-Staaten. Der Deutsche Qualifikationsrahmen (DQR) setzt die in Deutschland erworbenen und angebotenen Qualifikationen in Relation zu den acht Niveaustufen des EQR. Dabei wird den Besonderheiten des deutschen Bildungssystems Rechnung getragen. Hauptziele dieses DQR sind:
• Das deutsche Qualifikationssystem transparenter zu machen, Qualifikationen besser einordnen zu können und die Anerkennung von in Deutschland erworbenen Qualifikationen in Europa zu erleichtern.
• Die Mobilität von Lernenden und Beschäftigten zwischen Deutschland und anderen EU-Ländern, die Orientierung der Qualifikation an Kompetenzen sowie die Orientierung der Qualifizierungsprozesse an Lernergebnissen zu fördern.
• Die Möglichkeiten der Anerkennung und Anrechnung von Lernergebnissen informellen Lernens zu verbessern, um lebensbegleitendes Lernen insgesamt zu stärken.

Soweit die Theorie und gut. Beim konkreten Hinsehen in Bezug auf die Anerkennung und Positionierung der deutschen Technikerabschlüsse muss erhebliche Kritik angemeldet werden. Seit Ausgliederung der Fachschulen für Technik aus den Ingenieurschulen Ende der 1960er Jahre ist dieser Zweig der beruflichen Weiterbildung aus dem allgemeinen System der Aufstiegsfortbildung abgekoppelt. Es besteht weder eine horizontale Durchlässigkeit, die die Studierenden der Fachschulen inhaltlich mit Studierenden der Fachhochschulen und Universitäten auf eine vergleichbare Stufe stellen würde, noch gibt es die Möglichkeiten einer angemessenen Anschlussweiterbildung.

In einer ersten Einschätzung des Verbundprojekts „GlobePro" zur Zukunft der mittleren Fachebene als Herausforderung für den Mittelstand wird festgehalten, dass den dual ausgebildeten Fachkräften droht, abgehängt und zu Verlierern der Globalisierung zu werden. Andererseits steht das Fachkräfteproblem für den Mittelstand im Vordergrund. Kleine und mittlere Unternehmen sind in höherem Maße auf dual ausgebildete Fachkräfte angewiesen, d. h. ihr Fachkräfteproblem wird verschärft. Deshalb wird es eine besondere Herausforderung sein, sich für die mittlere Fachebene zu engagieren.
Eine Veröffentlichung der Hochschulinformationssystem GmbH zeigt, dass die Durchlässigkeit des deutschen Bildungssystem nicht zuletzt durch die Schwelle des Hochschulzugangs behindert wird: Im deutschen Bildungssystems ist der Besitz eines Zertifikats letztendlich immer noch wichtiger, als der Nachweis einer erworbenen und geforderten Kompetenz.
Fachschulabsolventen/innen sind nach erfolgter Weiterbildung unmittelbar im mittleren Führungsbereich beruflich handlungsfähig. Sie verfügen über ein breites und integriertes berufliches Wissen, einschließlich der Erkenntnisse aktueller fachlicher Entwicklung. Ein sehr breites Spektrum an Methoden zur Bearbeitung komplexer Probleme in einem beruflichen Tätigkeitsfeld ist für sie selbstverständlich und sie können Gruppen oder Organisationen verantwortlich leiten. Fachschulabsolventen/innen verfügen über Kompetenzen zur Bearbeitung von umfassenden fachlichen Aufgaben und Problemstellungen sowie zur eigenverantwortlichen Steuerung von Prozessen in Teilbereichen ihres beruflichen Tätigkeitsfeldes. Diese hohe berufliche Weiterbildung wird im europäischen Ausland anerkannt, in Deutschland führt sie in eine Sackgasse.

Diese Inländerdiskriminierung muss beendet werden. Deutsche Fachkräfte werden im Inland benachteiligt, da ausländische Fachkräfte in Deutschland den Titel „Bachelor" ihrer ausländischen Abschlüsse uneingeschränkt führen dürfen. Deutschen Fachkräften mit gleichwertigen Qualifikationen bleibt der Titel verwehrt, wenn sie diese Qualifikation auf nichtakademischem Wege, nämlich in der beruflichen Bildung, erworben haben. So wird für junge Menschen in Deutschland kein Anreiz für eine duale Erstausbildung geschaffen.
Doch durch die Anerkennung und Wertschätzung beruflicher Abschlüsse, die mit akademischen gleichwertig sind, wird die Attraktivität des Berufsbildungssystems und somit die Zukunftsfähigkeit der beruflichen Aus- und Weiterbildung insgesamt gesteigert.
Deshalb gilt es, eine geeignete international verständliche Bezeichnung für die den akademischen Bildungsgängen gleichwertige berufliche (nichtakademische) Weiterbildung auf hohem Niveau zu finden. Im Rahmen der Bologna-Diskussion bleibt hier zur Anerkennung der beruflichen Kompetenzen nur die Bezeichnung „Bachelor Professional" übrig. Der Titel „Bachelor" demonstriert einerseits die Gleichwertigkeit der so bezeichneten Abschlüsse beruflicher Bildungsgänge mit akademischen Abschlüssen, die Ergänzung „Professional" stellt andererseits klar, dass die Qualifikationen auf nichtakademischem beruflichem Wege erworben werden. Parallel hierzu muss sich von dem Begriff der „Schule" verabschiedet werden, da auch hier eine internationale Übersetzung formal möglich, inhaltlich aber irreführend ist. Da auf vielen Ebenen international vergleichbare Institutionen als Akademien bezeichnet werden, schlage ich hier den Begriff „Fachakademie" und speziell „Technikakademie" vor.

Um eine Wertschätzung beruflicher Weiterbildung sicherzustellen, zusammenfassend drei Punkte:
1. Technikerqualifizierung muss der Niveaustufe 6 ( DQR ) zugeordnet werden
2. die Abschlussbezeichnung „Staatlich geprüfte(r) Techniker/in" wird ersetzt durch den Begriff „Bachelor Professional"
3. die Bildungseinrichtung „Schule" wird ersetzt durch „Fachakademie" (speziell z. B. Technikakademie)

Hier geht es nicht um den Austausch von formalen Definitionen: Vielmehr wird, gestützt auf ein Qualitätssystem, der Nachweis erbracht, dass mit der neuen Bezeichnung und Einordnung auch ein qualitativ inhaltlicher Sprung erfolgt ist. So zeigt z. B. auch ein Rechtsgutachten von Prof. Dr. Volker Epping (vom 6. März 2006), dass die Einführung des Abschlusses „Bachelor Professional" aus verfassungsrechtlicher Sicht sowohl durch eine Bundesrechtsverordnung als auch durch eine Fortbildungsverordnung der zuständigen Stellen gemäß BBiG erfolgen kann. „Wenn die in Deutschland erworbenen Qualifikationen, Abschlüsse europäisch nicht „unter Wert" gehandelt werden sollen, dann bieten DQR und EQR die Chance, dies endgültig zu korrigieren!", so Frau Dr. Annette Schavan, zurzeit Bundesministerin für Bildung und Forschung. Dem ist nichts hinzuzufügen. Es geht darum, für diese Ideen zu kämpfen und in der Öffentlichkeit zu verdeutlichen, „dass es nicht darum geht, was auf einem Abschluss draufsteht, sondern was drin steckt. Es geht nicht darum, was man mit einem Abschluss ist, sondern was man kann bzw. können sollte! Das meint Transparenz". Deshalb müssen deutsche Fachschulabschlüsse entsprechend eingestuft und mit einer international verständlichen Abschlussbezeichnung versehen werden.

September 2009
Wolfgang Hill, Leiter der Technikakademie Weilburg und Sprecher des Bundesarbeitskreises Fachschulen Technik

 


 

Nachtrag: Die Kommentarfunktion mussten wir leider abschalten, da zu viel Spam an die Adresse gesendet wurde. Die bisherigen Kommentare zum Beitrag:

09.10.2009 | 19:29

Staudt

Der Beitrag ist zwar parteiisch, aber zutreffend und die Probleme richtig bennenend. Die Einordnung der Staatlichen Fachschulen - vornehmlich Fachschulen für Technik, Betriebswirtschaft und Sozialpädagogik - in den EQR und DQR ist eine bildungspolitisch und für die betroffenen Menschen absolut wichtige Aufgabe und muss an der richtigen Stelle stattfinden. D. Staudt

 

11.10.2009 | 11:36

Urs Keller

Werte Leser Ich gratuliere Herrn Hill für die ausgezeichnete Zusammenfassung der gegenwärtigen Situation im Interesse der Techniker. Insbesondere die internationale Poristionierung und somit Freizügigkeit in den Europäischen Ländern muss möglichst rasch verbessert werden. Deshalb unterstütze ich die Zielsetzungen wie: 1. Technikerqualifizierung muss der EQF Niveaustufe 6 ( DQR ) und den EU-Directive 2005/36/EC Level d zugeordnet werden. 2. Die Abschlussbezeichnung „Staatlich geprüfte(r) Techniker/in" wird ersetzt durch den Begriff „Bachelor Professional". 3. die Bildungseinrichtung „Schule" wird ersetzt durch „Fachakademie" Ich möchte alle auffordern, in dieser Sache aktiv mitzuwirken und damit die höchste duale Berufsbildung im nicht-Hochschulbereich in den deutschsprachigen Ländern international optimal zu positionieren. Urs Keller, Rektor ABB Technikerschule Baden/Schweiz

 

29.10.2009 | 17:41

Grywatsch

Ein wesentlicher Aspekt ist die Dokumentation der Gleichwertigkeit von Bildungsabschlüssen sowie deren Anerkennung im europäischen Ausland. Bildungsabschlüsse werden formal auf eine Stufe gestellt, jedoch nicht gleichwertig behandelt. Erfahrungen zeigen, dass trotz gleicher Stufe ohne zusätzliche Qualifikationsnachweise, teilweise sind zusätzliche Prüfungen notwendig, keine Gleichwertigkeit des Bildungsabschlusses gegeben ist. Eine einheitliche Abschlussbezeichnung "Bachelor Professional" kann hier die Lösung jeglicher Diskriminierung ausländischer Bildungsabschlüsse sein.

 

01.11.2009 | 16:12

Sitarz

Dem kann ich nur uneingeschränkt Zustimmen, besser kann man unsere Sitoation nicht beschreiben. Diesen Beitrag müste eigentlich jeder s.g. Techniker unterschreiben und an die Politiker schicken.

 

09.12.2009 | 22:08

Friedrich, Wolfgang

Hallo, es ist schon sehr traurig, dass in Deutschland eine so schlechte Bildungspolitik gemacht wird. Es liegt unseren Poltikern wirklich nichts an der beruflichen Zukunft lernbereiter Schüler, die daran interessiert sind sich weiterzubilden um dann z.B. im Ausland Arbeit zu finden. Denn leider ist die Lage auf dem deutschen Arbeitsmarkt nicht besonders gut. MfG Wolfgang Friedrich

 

 

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