GlobePro

Global erfolgreich durch professionelle Dienstleistungsarbeit.

Die Lehrer müssen den fundamentalen Wandel in der Arbeitswelt verinnerlichen

31.10.2011 | 10:48 | Susann Mathis

Ist die Berufsbildung in Deutschland ausreichend auf die zunehmende internationale Vernetzung eingestellt? Diese Frage stellten sich die Teilnehmer des Expertenworkshops: „Internationale Kompetenzen" und diskutierten über neue Anforderungen an die Berufsbildung - und damit auch über eine veränderte Rolle der Berufsschule. Der Workshop fand an der Heinrich-Emanuel-Merck-Schule in Darmstadt statt. Diese berufsbildende Schule hat vor 10 Jahren angefangen, ihren Schülern während der Ausbildung internationale Kooperationen und Kontakte zu ermöglichen. Im Interview erläutert Kurt Kiesel, der Schulleiter der HEMS, einige Erfahrungen.

Das nachfolgende Interview als PDF

Mathis: Herr Kiesel, Sie haben vor etwa 10 Jahren begonnen, die Ausbildung an Ihrer Schule international zu öffnen. Von welchen Überlegungen sind Sie ausgegangen?
Kiesel: In unserer Schule sind viele junge Menschen aus unterschiedlichen Nationen, wir wollten in erster Linie diese schon im Haus vorhandene Internationalität nutzen. Begonnen haben wir mit Kooperationen mit Unternehmen in der Region. 2010 sind wir vom Unternehmerverband Südhessen durch diese Maßnahmen als Lernort Kooperation mit dem Innovationspreis ausgezeichnet worden, da wir die Grenzen zwischen Schulen und Unternehmen und damit auch die Lernfelder durchlässiger machen. Gleichzeitig haben wir unsere Aktivitäten auf die europäischen Regionen ausgeweitet, inzwischen ist sogar Wisconsin bei uns dabei.

Mathis: Sind Sie damit bei den Schülern auf große Begeisterung gestoßen?
Kiesel: Wir haben zu Beginn die Bereitschaft, sich auf unser internationales Programm einzulassen, überschätzt. Inzwischen wissen wir, dass Schüler in diesem Alter von sich aus keine Lust haben, ins Ausland zu gehen. Mittlerweile begreifen wir es daher als eine wichtige Aufgabe, unseren Schülern Lust auf einen Aufenthalt im Ausland zu machen. Sie erwerben dabei den Europass Berufsbildung http://www.na-bibb.de/europass_5.html

Mathis: Welches Programm verfolgen Sie bei Ihrem internationalen Curriculum ?
Kiesel: Unsere Herangehensweise ist sehr pragmatisch: wir lassen die Schüler erleben, wie die Menschen in anderen Ländern arbeiten. So haben unsere Schüler zum Beispiel in Brünn an der Verkabelung einer neuen Siedlung mitgearbeitet und damit zum ersten Mal Freileitungsaufbau betrieben. Außerdem gehört zum Austausch auch ein Wochenende in einer Familie dazu. Gerade aus diesen persönlichen Kontakten entstehen Toleranz, Motivation und Freundschaft, und letztlich auch die Bereitschaft, ins Ausland zu gehen.

Mathis: Seit 2010 ist die HEMS Europaschule, das bedeutet Sie sind aufgenommen in das Förderprogramm des Landes Hessen. Was bedeutet das für Sie konkret?
Kiesel: Für uns ist das Netzwerken insgesamt ein zentraler Baustein. Über das Netzwerk der Europaschulen etwa haben wir zusätzlich regelmäßige Kontakte zu allen Europaschulen mit ihren internationalen Erfahrungen. Für die Verstetigung unserer internationalen Partnerschaften stehen uns zusätzliche Mittel von ca. 20 000 Euro pro Jahr zur Verfügung. Das hilft uns bei der Verwirklichung von Partnerschaftsprojekten die Auslandsreisen für die Lernenden bezahlbar zu halten oder neue Vorhaben wie bilinguales Lernen zu realisieren und die Einführung neuer Lernmethoden zu realisieren.
Wir sind besonders stolz darauf, dass unsere Partner auch regelmäßig zu Gegenbesuchen kommen, und dass die Ausbildungsbetriebe mitziehen, die Maßnahmen auch unterstützen.

Mathis: Nehmen alle Schüler Ihre internationalen Angebote wahr?
Kiesel: Nein. Und anders als zu Beginn ist die Teilnahme an einem Auslandsaufenthalt für unsere Schüler nicht mehr verpflichtend. Inzwischen wählen wir die Teilnehmer bewusst aus, und prüfen aufmerksam, ob ihr Interesse auch wirklich echt ist. Es läuft hervorragend, doch wir setzen das Programm nur mit den wirklich interessierten Leuten um. Und wenn unser Angebot positiv aufgenommen wird, macht es die Schüler offener gegenüber anderen kulturellen Hintergründen. Sie machen verblüffende Erfahrungen über die großen Unterschiede in der Interpretation von Verhaltensweisen und werden toleranter. Wir setzen vor allem auf Mund zu Mund Propaganda in der Schule.

Mathis: Wie nah sind die Lehrer beim Austausch dabei?
Kiesel: Sie initiieren die Maßnahmen und begleiten die Schülerinnen und Schüler ins Ausland. Bei der Auswertung vor Ort durch das Monitoring im erleben sie erstaunliche Situationen, etwa einer Aussprache von Schülern über den Nationalsozialismus, wie heute Deutsche noch wahrgenommen werden, und wie z.B. das Bild des nationalsozialistischen Deutschen noch heute nachwirkt aus der Erzählung der Generation der Großeltern in Tschechien.

Mathis: in welcher Sprache arbeiten die Schüler?
Kiesel: Die Schüler bei ihren Aufenthalten sprechen Englisch, das ist fundamental. Oft haben sie auch Übersetzer dabei, doch sie müssen über ihre beruflichen Kenntnisse auf Englisch sprechen können. Die Ergebnispräsentationen in den EU-Programmen Leonardo da Vinci http://www.na-bibb.de/
oder Comenius http://www.kmk-pad.org/programme/comenius.html werden durch die Teilnehmer in englischer Sprache durchgeführt.

Mathis: Was empfehlen Sie anderen Berufsschulen?
Kiesel: Nach meiner Erfahrung sind vor allem vier Punkte von zentraler Bedeutung:
1. kommunizieren können, das heißt konkret: Englischunterricht für die Auszubildenden
2. Andere Kulturen respektieren und verstehen lernen, interkulturelle Kompetenz. Hier ist das Vorbild der Lehrer gefragt
3. Berufswissen auch in der Weltsprache Englisch ausdrücken können, Erwerb zum Beispiel durch bilingualen Fach-Unterricht
4. Neu und sehr wichtig: sich in virtuellen Netzwerken bewegen können, um sich in der Community der Partner kompetent und versiert auszutauschen.

Mathis: Und was brauchen die Schulen dafür?
Kiesel: In erster Linie internetfähige Lernmittel, von daher brauchen wir eine klare Entscheidung, wie das in diesem Fall mit der Lernmittelfreiheit und mit der Unterstützung der Lernenden aus sozial schwächeren Familien aussieht. Ein Budget für die Durchführung von Austauschmaßnahmen auf Experten- und Schülerebene. Lehrkräfte, die ihr Fach oder Lernfeld auch in Englisch unterrichten können.
Außerdem sollten wir die bisherigen Lernorte um den virtuellen Raum erweitern. Über die E-Learning-Plattform Moodle lässt sich trefflich kommunizieren und lassen sich Arbeits- und Unterrichtsmaterialien, ja sogar Vorträge und Präsentationen online zur Verfügung stellen.
Und schließlich brauchen wir internationale Fortbildung für Lehrkräfte, damit diese den fundamentalen Wandel in der Arbeitswelt verinnerlichen können. Denn wir haben sowieso das Problem, dass wir die Arbeitswelt nur von außen sehen, tatsächlich aber z.B. für eine Weile zu VW in Shanghai gehen müssten, um unsere Schüler richtig vorbereiten zu können. Betriebspraktika für Berufsschullehrkräfte in international tätigen Unternehmen ca. alle 5 Jahre könnten dabei hilfreich sein.

Mathis: Herr Kiesel, vielen Dank für das Gespräch.

 

zurück zur Übersicht