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Globalisierung 2.0 und die neue Rolle der Interessenvertreter

10.01.2011 | 16:05 | Susann Mathis

Susann Mathis: Herr Hageni, Sie waren Betriebsratsmitglied bei der Software AG und 2004 direkt involviert in die Fragen und Prozesse des Offshoring. Wenn Sie die aktuelle Debatte zur neuen Phase der Internationalisierung und die Konsequenzen für die Mitbestimmung betrachten, was fällt Ihnen am meisten auf?

Karl-Heinz Hageni: Augenfällig ist das Paradoxon: einerseits leidet Deutschland unter einem dezidierten Fachkräftemangel (berühmt ist die Zahl des Bitkom, die von 30.000 fehlenden Fachkräften im ITK Bereich sprechen) doch auf der anderen Seite beobachte ich bei den Interessenvertretern eine sehr pessimistische Einschätzung der aktuellen Situation. Denn wie die Beispiele Siemens, T-Systems, HP/EDS zeigen, bedrohen Organisationsänderungen im Rahmen von neuer Ausrichtung der Unternehmen die Arbeitsplätze. Gleichzeitig verschlechtern sich die Arbeitsbedingungen durch die Verdichtung der Arbeit und verstärkte Orientierung an Kennzahlen. Und die Internationalisierung mit zunehmender Industrialisierung und Standardisierung verändert die Anforderungen an Qualifikation und die Arbeitsbedingungen. Dies alles schwächt die Kultur der Zusammenarbeit.

Susann Mathis: Wie wird auf diese Entwicklung in den Unternehmen reagiert?

Karl-Heinz Hageni: Die Führungskräfte in den Unternehmen betrachten ihre Arbeit in der Logik von Profitcentern. Dadurch haben sie nicht die Möglichkeit, eine Gesamtsicht für das Unternehmen einzunehmen. Anders die Interessenvertreter, sie haben in dieser Situation die Chance, dass ganze Bild mit den globalen Zusammenhängen und deren Auswirkungen auf die Beschäftigten zu betrachten.

Susann Mathis: Und wie nehmen die Interessenvertreter diese Chance aktuell wahr?

Karl-Heinz Hageni: Die Betriebsräte haben in erster Linie die Beschäftigungssicherung im Blick. Das ist auch richtig. Sie sind häufig in der Phase des Abwehrens von Veränderungen, doch einzelne unter ihnen treffen auch Vereinbarungen zum Thema Qualifizierung oder Gesundheit. Darüber hinaus sollten sie heute, wo wir davon ausgehen müssen, dass die Prozessoptimierung ein permanenter Zustand ist, aktiv und vorausschauend eine neue Rolle in der Mitgestaltung übernehmen. Dazu gehört dann auch, abgeleitet von den Strategien, rechtzeitig entsprechende Maßnahmen für die Qualifizierung der Beschäftigten abzuleiten.

Susann Mathis: Was brauchen die Betriebsräte, um diese neue Rolle zu übernehmen?

Karl-Heinz Hageni: In erster Linie müssen die Interessenvertreter hier das Know-how aufbauen. Sie müssen einschätzen, wohin die Entwicklungen gehen und welche Kompetenzen von den Beschäftigten dabei benötigt werden. Die Arbeit wird zunehmend in einzelne Schritte aufgeteilt, hier brauchen wir eine realistische Einschätzung, welche Teilprozesse unvermeidbar ausgelagert werden und welche Tätigkeiten, wie zum Beispiel Kundeneinbindung oder Forschung und Entwicklung, hierbleiben werden. In diesem Zusammenhang ist der europäische Kompetenzrahmen eCF interessant. Hier werden Kompetenzfelder der IT-Leistungserbringung abgebildet. Anhand dieser kann man erkennen, welche dieser Kompetenzen das Potential des Auslagerung haben werden und welche nicht. Der eCF bietet eine gute Orientierung für zukünftige Personalentwicklungsstrategien.

Susann Mathis: Wie schätzen Sie die Bereitschaft der Unternehmensleitungen ein, sich auf diese Kooperation einzulassen?

Karl-Heinz Hageni: Betriebsverfassungsgesetz und Tarifvertrag, zum Beispiel der IG-Metall, betrachten den Betriebsrat als Experten des Unternehmens, der aufgefordert ist, gemeinsam mit der Unternehmensleitung vorausschauend zu agieren. Bei den originär deutschen Unternehmen ist es leichter, bei der Gestaltung auf die Unternehmensleitung einzuwirken. Meist jedoch sind die Unternehmen international aufgestellt, hier wird zunehmend die Frage des Europäischen Betriebsrats relevant.

Susann Mathis: Wie bewerten Sie selbst in die Situation für die Beschäftigten in der IT-Branche?

Karl-Heinz Hageni: Für Pessimismus sehe ich keine Veranlassung, denn wir können von einer weiteren positiven Entwicklung der IT-Branche in Deutschland ausgehen. Nur müssen wir diese zugunsten der Beschäftigen mitgestalten. Natürlich haben wir dabei mit Veränderungen umzugehen und auf die Interessenvertreter kommt ein neuer, anspruchsvoller Aufgabenbereich zu. Doch dieser bietet gleichzeitig die Chance, gestaltend in die Entwicklung einzugreifen. Daher müssen sich die Betriebsräte vernetzen und sich der Unterstützung der Gewerkschaften versichern, denn diese Entwicklung berührt alle Unternehmen. Ein gutes Beispiel für eine solche Vernetzung ist der Rhein-Main IT Arbeitskreis. Diesen und andere Arbeitskreise findet man im Internet unter http://www.igmetall-itk.de/index.php?article_id=985

Susann Mathis: Herr Hageni, ich danke Ihnen für das Gespräch

Karl-Heinz Hageni war lange Jahre in der Personalentwicklung großer IT-Unternehmen tätig und ist heute Berater für Weiterbildung und Personalentwicklung.

 

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