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Agile Methoden aus Sicht der Arbeitssoziologie

17.02.2010 | 12:02 | Susann Mathis

Auf den German XP-Days in Karlsruhe hat Andras Boes einen Vortrag gehalten mit dem Titel „Agile Methoden als Wegbereiter eines neuen Typs der Industrialisierung der Softwareentwicklung". Dem VKSI-Magazin hat er dazu einige Fragen beantwortet.

VKSI: Warum interessiert sich ein Soziologe für die agilen Methoden der Softwareentwicklung?
AB: Als Soziologe befasse ich mich seit 20 Jahren mit der IT Industrie und vor allem mit dem Wandel der Arbeit in dieser Branche. In unserem Team beim ISF München untersuchen wir unter anderem, wie sich die Arbeit von hochqualifizierten Entwicklern und Ingenieuren verändert.
Wir vermuten tatsächlich, dass wir gegenwärtig einen tief greifenden Umbruch in diesen Tätigkeitsfeldern erleben, der äußerlich vor allem als eine neue Phase der Globalisierung erlebt wird, im Inneren aber auf einen neuen Typ der Industrialisierung hinauslaufen könnte.

VKSI: Bisher geht man aber doch davon aus, dass agile Methoden die Zusammenarbeit in selbstorganisierten Teams gestalten, aber gerade mit Industrialisierung nichts zu tun haben.
AB: Zunächst klingt es auch wie ein unvereinbarer Widerspruch: auf der einen Seite die Industrialisierung mit ihrer hochgradigen Arbeitsteilung, minutiösen und vollständige Planung, sowie bürokratischen Entmündigung; auf der anderen Seite selbstorganisierte und autonome Teams, inkrementelle und pragmatische Planungsverfahren sowie ganzheitliche Tätigkeitszuschnitte.
In diesem Zusammenhang ist es interessant, dass die großen Unternehmen bei der Umorganisation ihrer Softwareentwicklung nicht von agil, XP oder Scrum sprechen, sondern von lean. Wir erinnern uns: die Verfechter des Toyota-Konzepts haben es als Abkehr von der Massenproduktion angepriesen. Tatsächlich aber war das keine Abkehr sondern vielmehr eine neue Form der Industrialisierung.
In Interviews im Rahmen unserer Forschungsprojekte sind wir jedoch immer wieder erfahrenen Softwareentwicklern begegnet, die dieser Melange aus „agil" und „lean" skeptisch begegnen. Ein zentraler Aspekt dabei ist die Ersetzbarkeit: Durch die Entwertung des Wissens wird der Experte entwertet. Und Ersetzbarkeit, das haben wir gelernt, ist gerade im Zusammenhang mit der Globalisierung und Auslagerung von Arbeit ein zentraler Faktor.

VKSI: Das heißt, Kritiker befürchten, dass die agilen Methoden für die Unternehmen bessere Möglichkeiten bieten, die Kreativität zu nutzen aber sich dennoch vom einzelnen Entwickler unabhängig zu machen?
AB: So könnte man es beschreiben. Übertrage ich die kreative Leistung auf ein Team, so kann zwar durchaus auch dort ein einzelner genialer Entwickler einen ebenso genialen Code schreiben. Doch in der Regel ist der dort normal begabte kreative Entwickler austauschbar.
Dies geht einher mit einer grundlegenden Umkehr in der Organisation der Softwareentwicklung: Nicht die individuelle Kreativität des einzelnen Entwicklers fungiert nunmehr als Erfolgsrezept der Unternehmen, sondern die Entwicklung robuster und stabiler Prozesse, in denen sich das Know-how und die Leistungsfähigkeit der Organisation materialisieren. Intelligente Standards schalten die geistigen Potenziale der Beschäftigten eben nicht aus, sondern ermöglichen eine effiziente und systematische Nutzung der geistigen Produktivkraft in neuer Qualität.
Auf der einen Seite bleiben zwar Nischen für innovative Tätigkeiten erhalten beziehungsweise entstehen neue, auf der anderen Seite wird jedoch für einen wachsenden Bereich von Tätigkeiten eine konsequente Prozessorientierung angestrebt.

VKSI: Überwiegen in großen Unternehmen also die Risiken für Software-Entwickler?
AB: Nicht unbedingt, denn in erster Linie haben agile Methoden unbestritten große Vorteile: Sie verbinden eine konsequente Kundenorientierung mit Effizienz und menschengerechter Arbeit und reduzieren so die teilweise enormen Arbeitsbelastungen und Gesundheitsrisiken in der Branche. Agile Methoden sind ein lebendiger Gegenentwurf zur bürokratischen Organisation der Softwareentwicklung.
Doch ich plädiere dafür, aufmerksam die Konsequenzen im Blick zu behalten. Immer mehr große Unternehmen verlassen sich bei kritischen Projekten auf agile Methoden. Und je mehr sie Erfolg haben, desto leichter werden die Befürworter agiler Methoden in Zukunft Gehör bei den Entscheidern in den Unternehmen finden.
Gleichzeitig geraten diese Befürworter in Zukunft in den Unternehmen in ein komplexes und häufig unübersichtliches Spannungsfeld unterschiedlicher Interessen. Denn Mitarbeiter, die Angst haben, sich ersetzbar zu machen, taugen nicht als Protagonisten bei der Einführung neuer Konzepte.

VKSI: Und was bedeutet das für die weitere Entwicklung agiler Methoden?
AB: Es gibt kein Patentrezept. Die Befürworter agiler Methoden sollten sich jedoch in Zukunft viel mehr damit auseinandersetzen, wie ihre Konzepte mit anderen Konzepten in einem komplexen organisatorischen Umfeld interagieren und welche Effekte dies hat.
In Zukunft wird viel davon abhängen, ob sich die Befürworter agiler Methoden konstruktiv und kritisch mit diesen neuen Herausforderungen auseinandersetzen. Ein aktiver und sensibler Umgang mit den neuen Widersprüchlichkeiten im Spannungsfeld unterschiedlicher Interessen wird daher zu einem zentralen Erfolgsfaktor bei der Weiterentwicklung und Verbreitung agiler Methoden in der Praxis.

 

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Details zum Vortrag

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PD Dr. Andreas Boes ist Wissenschaftler am ISF München und lehrt als Privatdozent an der Technischen Universität Darmstadt. Er ist Vorstandsmitglied des ISF München e.V. Seine Forschungsschwerpunkte legt er auf Informatisierung der Gesellschaft, Zukunft der Arbeit, Qualifikationsentwicklung von Computerspezialisten, Entwicklung der IT-Industrie.
Die Fragen stellte Susann Mathis, Redaktion VKSI-Magazin.

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