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Global Software Development SAP: Fokus China - Deutschland

Xiaoqun Clever, President of SAP Labs China, SAP AG

Xiaoqun Clever leitet die Entwicklungsorganisation der SAP in China. Die studierte Informatikerin zählt zu den Top-Managerinnen in der deutschen Software-Branche. Für SAP ist sie seit 1997 in unterschiedlichen Entwicklungsbereichen national und international tätig.

Für Xiaoqun Clever ist es Zeit zum strategischen Umdenken: Die so genannten Wachstumsmärkte wie China, Brasilien, Indien oder Russland sind nach ihrer Überzeugung längst nicht mehr nur Low-Cost-Dienstleister. Sie bergen darüber hinaus ein hohes Potential an Kreativität und Innovationskraft, das für die Entwicklungsarbeit genutzt werden kann, und bieten ein großes Reservoir an Talenten, die es für das eigene Unternehmen auszubilden und zu binden gilt.

Europas größtes Softwarehaus verfügt mit seinen weltweit mehr als 60.000 Mitarbeitern über 160 Niederlassungen in 63 Ländern. In China engagiert sich SAP seit den frühen 1990er Jahren und beschäftigt heute dort knapp 4000 Mitarbeiter an acht Standorten, von denen Shanghai mit rund 2500 Beschäftigten der größte ist; die gesamte Wertschöpfungskette von der Produktdefi nition über die Entwicklung bis hin zum Vertrieb kann lokal abgedeckt werden. Nach Deutschland, den USA und Indien ist das China Lab das viertgrößte innerhalb des Unternehmens. Der Wachstumsplan für das Land der Mitte aus dem Jahr 2011 sieht Investitionen von mehr als zwei Milliarden US-Dollar bis 2015 vor.

„Wir investieren in China nicht, weil es ein Niedriglohnland ist“, betont Clever. „Wir gehen nach China, weil wir glauben, dass in Zukunft die Innovationen von dort kommen. Und wenn wir als globales Unternehmen langfristig konkurrenzfähig sein wollen, müssen wir uns direkt dort engagieren, wo der nächste Wettbewerber entsteht.“ Dass China nicht nur in Bezug auf sein Marktvolumen, sondern auch in seiner Rolle als Innovationstreiber unaufhaltsam auf dem Vormarsch ist, steht für die SAP-Managerin außer Frage.

„Der schlafende Drache ist aufgewacht“, sagt die China-Expertin. 1,1 Milliarden mobile Geräte, 110 Großstädte mit jeweils mehr als eine Million Einwohnern und ein jährlicher Anstieg des Bruttoinlandsproduktes von durchschnittlich zehn Prozent seit 2010 beschreiben diesen Markt. Rund 125 Milliarden Euro pro Jahr stecken die Chinesen in Forschung und Entwicklung. 2011 konnte das Land mehr Patente anmelden als die USA. Rund sieben Millionen Absolventen verlassen im Jahr Chinas Universitäten.

„Dieses Land hat innerhalb von 15 Jahren eine Entwicklung genommen, für die Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg sechs Jahrzehnte gebraucht hat“, sagt Clever. Die SAP-Managerin sieht in China nicht nur einen Talentpool für Ingenieure. Sie verweist auch darauf, dass die Regierung in Peking am Hardwarestandort China zunehmend die Softwareindustrie fördert und an dieser Stelle bereits die Monopolstellung Indiens angreift. „Es ist ein Markt, der uns vor große Herausforderungen stellt und für den wir ganz neue Strategien entwickeln müssen.“

Denn die bislang gängige Praxis, nach der eine Software an irgendeinem Standort entwickelt und dann in China verkauft wird, funktioniert angesichts der dortigen Wissensentwicklung und der speziellen Anforderungen chinesischer Kunden nicht mehr. „Lokalisierung“ von Produkten habe früher Anpassung an die Landessprache, die dortigen Gesetze und Steuerregelungen bedeutet, erklärt Clever. Heute dagegen müsse schon die Planung und Entwicklung von Produkten, die für den globalen Markt bestimmt sind, direkt vor Ort laufen.

Dabei ist das Interesse chinesischer Unternehmen an SAP-Produkten groß: zum einen, weil sie ins Ausland expandieren und für ihre dortigen Tochterfirmen eine internationale Software brauchen; zum anderen, weil der Einsatz einer SAP-Software praktisch als Gütesiegel für die Finanzbuchhaltung gilt und damit Börsengänge erleichtert. Dennoch kämen aus der chinesischen IT-Branche Rückmeldungen wie: „Eure Software passt nicht in unsere lokalen Prozesse“ oder „Was ihr heute baut, können wir nicht sofort nutzen“, berichtet die Leiterin des SAP China Lab.

Dies liegt daran, dass die SAP-Lösungen für eher reife Industrien mit einem hohen Grad an globaler Standardisierung konzipiert sind und gegebenenfalls zuerst an lokale Besonderheiten angepasst werden müssen. So sind zum Beispiel in Europa die Schnittstellen zu den Banken unternehmensübergreifend standardisiert, während es in China vorkommen kann, dass ein Unternehmen bis zu 150 unterschiedliche Schnittstellen zu bedienen hat.

„Wir müssen also als internationales Softwarehaus nach China gehen und dort mit unseren maßgeblichen Industriekunden gemeinsam an geeigneten neuen Lösungen arbeiten“, folgert Clever. Aufgabe einer globalen Software-Entwicklung ist es nach ihrer Überzeugung, lokale Strukturen und Prozesse wirklich zu durchdringen, als Leitfaden für die Entwicklung zu nehmen und vor allem den Innovationen des Landes selbst mindestens einen halben Schritt voraus zu sein: „Wenn wir nicht besser sind als die IT-Spezialisten in China“, warnt Clever, „dann haben wir dort bald keinen Markt mehr.“